Schwarzes Holz und Bast und Messing

scp-heritage-v3.png
Bewertung: 0+x
Bewertung: 0+x

Der Junge, der sowohl missmutig als auch enttäuscht und wütend war, bewegte sich zwischen den Bäumen hindurch auf das Haus seines Onkels zu. Es war der Beginn eines ganz offensichtlich beschissenen Sommers. Als er schließlich die Straße mit dem aufgerissenen Asphalt erreichte, kickte er einen der kleineren Brocken in Richtung seiner elenden, ihm aufgezwungenen Behausung. Was gab es hier für einen Dreizehnjährigen? Genau, gar nichts. Ihm schwebte deutlich vor, wie seine Freunde die tollsten Dinge in Linz oder ihren Urlaubsorten erlebten und er steckte hier fest, im Mühlviertel, zwischen schroffem Granit und wildem Wald. Was ja nicht schlecht war, aber Johan wollte in seiner Stimmung nichts gelten lassen. Irgendwie wollte er gar nichts gut finden, er genoss seinen gerechten Zorn und die Empörung. Unwillkürlich schnitt er eingedenk des verlogenen Gesabbels seiner Eltern eine Grimasse. Sein ältester Bruder war schon längst ausgezogen, nun hatte sich der andere feige zum Studieren nach Innsbruck verpisst. Da haben wir uns mal eine winzige Auszeit verdient. Was für Heuchler, warum denn ohne ihn? Einen Monat lang?! Und dann mit diesen Leuten.

Tante Henriette (wer hieß denn bitte so?) war ja noch ganz okay, aber Herrgott, die Frau trug ein Kopftuch und eine Schürze, den ganzen Tag, wie vor hundert Jahren. Und benahm sich auch so. Onkel Dolph (Doof wäre besser gewesen) dagegen schaffte spielerisch den Spagat zwischen Schwein und Schwachkopf. Ein wahres Arschloch vor dem Herrn. Kaum zu glauben, was sich die Natur für Scherze erlaubte: Sein Vater war sehr groß, athletisch gebaut und seiner Ansicht nach intelligent genug, das Schwein hingegen, wie es sich für so ein Tier gehörte, reichlich fett. Untersetzt, mit immer feuchter Haut schob er einen gewaltigen Bauch vor sich her, den er auf dürren, weißen, borstigen Beinchen irgendwie ausbalancierte. Dabei führte er sich in seinem Reich auf wie der Sonnenkönig persönlich, duldete keinen Widerspruch (den gab es ohnehin nicht, er tyrannisierte Henriette trotzdem hingebungsvoll).

Johan erreichte den Innenhof. Was gab es hier Spannendes zu sehen? Nicht einen, nicht zwei, nein, ganze DREI Schuppen, ist das zu fassen? Gut, einer war die Garage für den BMW. Wäre dieser Wagen ein Pferd gewesen, der Abdecker hätte schon vor Jahren gegrüßt. Im Fond stank es nach Dolph und Dolph miefte nach Fond. Die anderen waren roh gezimmerte Holzverschläge voller unbenutztem Werkzeug oder auch ausrangierten Möbeln. Sie bildeten ein "U", dessen beide Arme auf das Wohnhaus zeigten, einen ziemlich zweckmäßigen Kasten aus den Siebzigern, vermutete Johan, aber davon hatte er nicht wirklich Ahnung. Dolph schien die Pflege der Fassade nicht zu interessieren, was vor Zeiten vielleicht einmal weiß gewesen war, hatte jetzt die Farbe von … Johan überlegte. Raucherzähnen. Viel schlimmer war das Innere. Die Einrichtung bestand aus asbachuralten Möbeln, was ja zu erwarten gewesen war. Schauerlich waren die vielen (wirklich vielen) ausgestopften Tiere und Geweihe, die Kruzifixe und geschnitzten Putten. Letztere waren so hässlich, dass sie eher wie Perchtenmasken wirkten. Als ob eine Menge religiöser Kram einen miesen Charakter ausgleichen könnte, du Vollidiot.

Henriette öffnete ihm, nachdem er mehrmals die asthmatische Klingel gedrückt hatte. Sie sagte kein Wort, sondern wuselte bereits wieder davon, noch bevor die Tür ganz aufgeschwungen war. Zwischen ihnen fiel nie auch nur ein einziges Wort, wenn ihr Herr nicht anwesend war. Die Frau hatte ein schweres Kreuz zu tragen und mit ihr zu leben war ein Kreuz für Johan. Was ihn dagegen freudig begrüßte und beinahe umarmte, war der Geruch. Schon wieder diese Scheiße. Ein deftiger, heißer, reichhaltiger Eintopf mit ein bisschen Kohl war an einem durchfrorenen Winterabend sicher etwas Feines. Aber diese konzentrierten Schwaden mitten im Sommer waren in etwa so angenehm wie ein umgekipptes Dixie-Klo. Zudem handelte es sich nicht um Kohl an sich, sondern um ein von ihr selbst fermentiertes Hexengebräu aus Henriettes erstaunlichem Fundus. In ihrer Vorratskammer reihten sich die Gläser wie Soldaten in der Phalanx, jedes gefüllt mit einer gärenden Überraschung. Wahrscheinlich konnte man aus dem Zeug sogar irgendwie etwas Essbares machen, das Rindvieh mochte es aber lieber wässrig mit bis zur Verflüssigung zerkochten Kartoffeln. Ein Geizhals war der alte Trottel also auch noch. Jedenfalls hatte es diese "damit fällt mir die Diät leicht"-Kotze auch bei seinem Einstand in diesem Loch gegeben:

Scheiße, tut der kackfreundlich. Zuerst hatte sich Dolph äußerst interessiert nach dem werten Befinden der Familie, insbesondere seines Bruders, erkundigt (Johan spürte eindeutig Missgunst, vielleicht Eifersucht). Dann musste Johan ihm mit frisch gebügeltem Bettzeug auf dem Arm durch das Haus folgen, als handele es sich um eine Museumsführung. Jedes Ding schien eine wichtige Geschichte zu haben, alles schien irrsinnig wichtig zu sein. Die Augen der ausgestopften Tiere starrten Johan an und schienen "Hilf mir!" zu rufen. Was auffiel, war die beinahe klinische Sauberkeit, gerade bei so viel Tinnef erwartete man wenigstens ein bisschen Staub, in den obersten Ecken die eine oder andere Spinnwebe. Tatsächlich war alles beinahe steril. Später erkannte er natürlich den Grund dafür. Seine Tante war eine wahre Maschine, was den Haushalt anging. Schließlich ging es während der quälenden Märchenstunde über die knarzende Holzstiege in den ersten Stock. Vor der ersten Tür links wurde haltgemacht. Das sei nun sein Reich, hatte der Sack salbungsvoll geflötet. Das Zimmer hatte Johan einigermaßen schockiert. Ein Schrank, ein Bett, ein Nachttisch, ein Fenster, eine Truhe, unvermeidliches Kruzifix inklusive betender Madonna darunter. So weit so gut. Aber es war gerade im Kontrast zum Rest des Hauses frappierend schmutzig. Musst selbst klar Schiff machen. Bist ja schon ein großer Junge. Damit hatte Johan an sich kein Problem, musste er zuhause schließlich auch. Aber das hier sah aus, als ob sich schon seit Jahren niemand mehr darangemacht hätte. Warum der Fiesling nicht einmal die servile Henriette dazu hatte bringen können, den Raum zu betreten, fand Johan erst später heraus. Der Trottel hatte ungeduldig im Gang gewartet, sodass Johan gerade noch Zeit hatte, seine Tasche auf das Bett zu legen. Die Luft in dem beengten Zimmer war schwer, die Atmosphäre dabei knisternd aufgeladen. Er fühlte sich in den wenigen Augenblicken absolut unwohl, irgendetwas stimmte hier nicht. Tatsächlich war es ein gutes Gefühl, dass erst einmal Zeit für das Abendessen war. Hatte er vor ein paar Tagen jedenfalls gedacht.

In dem tiefen Teller vor ihm schienen die Kartoffeln schon beinahe durch das bloße Ansehen zu zerfallen, um sich mit den Schleimalgen, die einmal ein gesunder Kohlkopf gewesen waren, in der pissefarbenen Brühe endgültig zu vereinigen. Sein Onkel leistete dem auch noch Vorschub, indem er beherzt alles mit der Gabel zermanschte, bevor der Löffel zum Einsatz kam. Henriette hielt sittsam den Kopf gesenkt und schien bemüht, nur nicht mit dem Löffel an die Oma-Keramik zu stoßen. Die Klirr- und Fressgeräusche übernahm ihr Mann. Johan sah ein, dass es unklug wäre, bereits am Abend Probleme zu machen. Diese würden sich von alleine einstellen, sagten ihm seine dunklen Vorahnungen. Der Raum war bis auf die einzelne Glühbirne in einem altmodischen Stofflampenschirm über ihnen düster, das Licht ließ Dolphs hängendes Gesicht beinahe dämonisch wirken. Während regelmäßigen Schlucken aus einer Flasche Bier fragte er Johan aus. Was er denn so mache. Anlageberater, zu Diensten, was wohl, du Depp, Schüler natürlich, hatte er bei sich gedacht, aber höflich alle Fragen beantwortet. Ihm fiel auf, dass das Nachgebohre immer wieder in die Richtung seines Vaters abwanderte und sein Onkel bei den Antworten nicht glücklich ausgesehen hatte. Der Mann hasst meinen Pa, dann kann er mich auch nicht mögen, das war Johan in diesem Moment völlig klar. Als der Kerl mit seinem Bier erstaunlich schnell fertig gewesen war, hatte seine Frau ebenso schnell die Flasche an sich genommen und Anstalten gemacht, die nächste heranzuschaffen. Dolph hatte sie zurückgerufen. Noch eine Sache, die sich in den nächsten Tagen ändern würde. Am nächsten Tag würden es zwei, am dritten folgerichtig drei sein, eine fröhliche lineare Gerade. Endlich hatte sich Johan seines Tellers entledigt und die huldvolle Erlaubnis erhalten, sich auf sein Zimmer zu begeben.

In dem Raum war es immer noch unangenehm, Johan hatte erst einmal die Fenster aufgerissen, ungeachtet der Mücken, die hereinkommen würden. Unwillkürlich hatte er sich beim Auspacken auf das Bett gesetzt, es war unangenehm, Schrank und Truhe im Rücken zu haben. Gegenüber seines zweifelhaften Refugiums befand sich das Bad (Fliesen verwaschen orange, Blumenmuster). Als er schließlich fertig war mit Zähneputzen und ausgiebigem Wasserlassen, verspürte Johan echte Skrupel, wieder zurückzukehren. Aber eine andere Wahl gab es nicht. Stattdessen versuchte er festzustellen, was ihn denn nun tatsächlich störte. Mit einem eindeutigen Ergebnis: die Truhe. Sie hatte die Größe einer klassischen Wäschetruhe und war aus schwarz gebeiztem Holz, möglicherweise Eiche, gefertigt. Ein kunstvoll geknüpftes Netz aus Bastkordeln, deren Zwischenräume regelmäßige Rauten bildeten, umspannte straff den gesamten Korpus, das Geflecht wirkte wie Sehnen an einem Muskel. Die Beschläge an den Ecken sowie die Griffe an den beiden Seiten waren offensichtlich aus gehämmertem Messing gefertigt. Das Ding war eine Antiquität, ein Kunstwerk und dennoch irgendwie eine Scheußlichkeit, welche Johan unterschwellig Angst einflößte. Gemäß seines ureigenen Grundsatzes, sich niemals einschüchtern zu lassen, zog er dennoch zögernd den Deckel hoch und sah hinein. Die Truhe war leer. Hatte er zunächst gedacht. Dann fiel ihm ein zerrissener Stofffetzen auf, der in einer Ritze klemmte. Johan griff danach und zog ihn heraus, der Lumpen schien schwarz-weiß zu sein, war aber steif und krustig. Das Schwarze war keine Farbe. Angeekelt warf er das Ding in den Müllkorb.

Um überhaupt einigermaßen Empfang zu bekommen, war er noch an jenem Abend durch das Zimmerfenster auf ein Vordach geklettert, unter dem sich die Haustüre befand. Da waren belanglose SMS, die er beantwortete. Aber niemand hatte ihn in der Zwischenzeit angerufen, nicht einmal die eigenen Eltern. Schließlich versuchte er, nachdem das Bett frisch bezogen war, zu schlafen. In dieser Situation eine Zumutung: fremde Umgebung, unfreundliche Leute, und, keine zwei Meter entfernt, das Ding. Er wälzte sich hin und her, jedesmal suchte sein Arm unter dem Kissen eine kühle Stelle, bis er endlich wegdriftete. Jetzt konnte er nicht mehr sagen, ob er etwas geträumt hatte oder nicht – jedenfalls war er hochgeschreckt, mit einem präzisen, deutlich definierten Gedanken im Kopf: Die Truhe ist sauber. Die Truhe ist das einzig Saubere im Raum. Im Schein der tastend angeknipsten Nachttischlampe sah er etwas Furchtbares: Der Deckel der Truhe war wortwörtlich einen Fingerbreit geöffnet, weil sich ein Finger von innen seinen Weg ins Freie suchte. Johan fuhr zusammen, drückte sich an die Wand. Sein Herz fühlte sich an, als wollte es sich gewaltsam vom Rest des Körpers trennen. Der Finger war grau-bläulich verfärbt und hatte mehr als fünf Gelenke. Der Nagel war brüchig, gelb und in seinem Bett seitlich verschoben. Während er sich nach Johan suchend weiter vorschob, tauchte aus der Tiefe der Truhe die Spitze eines weiteren Exemplars auf. Zuviel für Johan. Er hechtete aus dem Bett zur Tür, riss sie auf und rannte auf den Flur. Als er die Tür hinter sich zuschlug, zeigte ihm ein letzter flüchtiger Blick in sein Zimmer, dass sich der furchtbare, unnatürliche Leichenfinger aufgerichtet hatte wie eine Kobra. Dann stand er schwitzend und zitternd allein in dem kohlenschwarzen Gang. Er wusste, dass er sich nicht die Blöße geben konnte, das Schlafzimmer des Onkels und seiner Dienerin aufzusuchen. Er konnte auch niemanden anrufen, man würde seine Geschichte als lächerlichen Versuch zur Flucht abtun. Johan atmete tief durch und sammelte sich. Erst einmal suchte er nach dem Lichtschalter. Dann öffnete er unter schlimmsten Vorahnungen noch einmal die schützende Tür. Der Deckel der Truhe war geschlossen, das widerliche Ding aus dem Inneren war verschwunden. Trotzdem verbrachte Johan die Nacht im Erdgeschoss auf der Wohnzimmercouch. Wie auch in den nächsten Tagen, wobei er schließlich auf das Vordach wechselte, jedesmal panisch mit dem Rücken zum Bett an der Truhe vorbeirennend.

Eines Abends dann passierte die Sache mit seinem Nokia: Johan hatte sich um das Haus herum begeben, um zu telefonieren. Er rief einen Schulfreund an, um sich einmal mehr den Frust von der Seele zu reden. Wobei er wohlweislich von dem verfluchten Ding in seinem Zimmer/Kerker schwieg. Der Rest aber wurde in blumiger Sprache mit deftigen Ausdrücken garniert vorgebracht. Bei einer weiteren Tirade über die Beschissenheit von allem, insbesondere der unerträglichen Sacksau, die vorgab, ein Blutsverwandter zu sein, sprang der sonst so unbeholfene Fettsack förmlich um die Ecke. Sein Kopf wirkte wie ein auf vierhundert Grad erhitzter Druckkochtopf ohne Ventil. In seiner Rage entriss er Johan das Handy und deckte ihn gleichzeitig mit einer Tirade aus unflätigen Beschimpfungen, Beschuldigungen und drohender Körpersprache ein. Johan rechnete fest damit, dass Dolph handgreiflich werden würde. Hätte ihn fertigmachen sollen. Stattdessen schlingerte das Vieh mit seinem Telefon, so schnell es ihm eben möglich war, wieder ins Haus. Der Kerl hatte schon wieder einen in der Krone. Johan folgte zornig und während er sein Eigentum zurückforderte, brachte er gelogene Entschuldigungen und sogar Zugeständnisse vor. Im Wohnzimmer sah er dann schließlich erstaunt, wie sich der Suffkopp an einer Holzvertäfelung zu schaffen machte. Sie war aufgeschwungen. Dahinter war ein Safe. Wozu brauchte der Kerl einen eingebauten Tresor, dachte Johan, noch dazu mit einem modernen Digitalfeld. Er trat näher, obwohl Dolph schrie, er solle verschwinden und verdammt nochmal wegsehen. Im Inneren befanden sich Dokumente, und, was ihn erschreckte, eine Pistole nebst einem quadratischen Päckchen mit Munition. Jede Truhe hier birgt ein Geheimnis. Der cholerische Onkel schlug die Türe zu und von da an war das Handy unerreichbar.

Zurück ins Jetzt. Johan wartete lieber draußen, als die Schwaden der Kohlsuppe weiter auszuhalten, die Dämpfe steckten aber wahrscheinlich bereits tief in seinen Klamotten. Wenn er erst einmal hier raus war, würde er das ganze Zeug besser verbrennen. Schon von Weitem sah er den klapprigen BMW die Straße zum Haus hinaufkriechen. Dolph bremste und kurbelte das Fenster herunter.

"Mach auf, du siehst doch, dass ich da bin!"

Johan schob mit dem Fuß den hölzernen Keil, der die Haustür am Schließen hinderte, weg und ging lieber wieder hinein. Mach dir selber die Garage auf, du Arsch. Dementsprechend war die Laune, als Dolph eintrat. Er feuerte die Aktentasche so auf die Couch, dass Johan ausweichen musste.

"Mieser kleiner Scheißer!"

Henriette stellte besorgt das erste Feierabendbier bereit, als sich der Scheißkerl mit einem furzenden Geräusch in seinen Sessel plumpsen ließ. Sie packte andächtig die Tasche und wuselte mit ihr die Treppe hinauf. Der Mann trank mit gierigen, schlürfenden Schlucken, beinahe sofort war die Flasche halb leer. Eine Minute später hatte er ihr den Garaus gemacht. Ein unterdrückter Rülpser (später würde er sich die Mühe nicht mehr machen), und schon brüllte er nach seinem angeheirateten Hausdiener.

"Weil du mir ja doch keins bringst, was, Scheißer?"

"Kann ich bitte mein Handy haben?", fragte Johan, denn er wusste, dass die Zugänglichkeit zwischen dem ersten und zweiten Bier noch am größten war.

"Ha, nein! Auf keinen Fall! Keine Disziplin, keine Hilfe im Haus. Was willst du mal werden, Scheißer?"

"Polizei oder zum Heer", erwiderte Johan drohend, was den Angetrunkenen beinahe zu erfreuen schien.

"Ja, das wird deinen feinen Vater freuen! Ha, der faule Apfel. Ja, ja so geht's!", gluckerte der Trinker.

"Warum hasst du meinen Dad? Was hat er dir getan?"

Dolph verschluckte sich an seinem neuen Getränk und hustete ausgiebig. Dann:

"Tu ich nicht! Und wenn, drauf geschissen. Immerhin hab ich dich aufgenommen, was?"

Und da platzte Johan endgültig der Kragen.

"Damit mich die schwarze Truhe umbringt, denke ich, du Scheißkerl."

Aus der Küche war zu hören, wie Glas auf dem Fliesenboden in tausend Scherben zersprang, gefolgt von einem entsetzten Aufschrei Henriettes. Dolph quollen die Augen beinahe aus dem noch verquolleneren Schädel, als er aufsprang und mit wild geschüttelter Flasche auf Johan zeigte.

"UNSINN!", brüllte er. "Was für eine Idee! Du bist mir mit deinen Lügen noch nicht über den Kopf gewachsen, du … du mieser SCHEIẞER!"

Diese Aussage stimmte weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn. Johan sah ihn ruhig an.

"Nein? Was hättest du erzählt? Dass ich wohl weggelaufen wäre. Keine Leiche zu finden am Ende. Ich hab einen Fetzen voller Blut in dem Ding gefunden, musst du wissen, du Arschloch."

Gewimmer aus der Küche. Ein nahe dem Herzinfarkt befindlicher Dolph. Komm schon, platz doch, du Wichser.

"Raus. RAUS! RAUS aus meinem Haus!"

"Wollte eh gerade gehen. Wartet nicht auf mich mit eurem Fraß."

Johan vermied es, direkt an seinem Onkel vorbeizugehen, beeilte sich aber, schleunigst den Raum zu verlassen. Und das war eine gute Idee. Als er durch die Tür ging, explodierte die Bierflasche hinter ihm an der Wand. Die arme Henriette würde heute noch viel aufzuwischen haben. Vorsorglich schob er den Keil ein winziges Stück unter die Tür, sodass sie nicht mehr schloss, doch selbst wenn der Kerl das entdeckte …, das Fenster über dem Vordach stand offen. Und sein Zimmer würden beide nicht betreten. Er irrte beinahe ziellos die Straße hinauf und hinunter. Nach dem beinahe euphorischen Gefühl der Konfrontation mischte sich nun etwas anderes darunter. Reue sicher nicht. Was war denn da in ihm? Hunger auf die Kohlplörre auch nicht. Es dauerte lange, bis Johan schließlich begriff, dass es sich um Verantwortungsgefühl handelte. Der Penner war dermaßen geladen gewesen und hatte wahrscheinlich weitergesoffen. Hier draußen war die Nacht sicher, im Haus war das Licht der schummrigen Lampen eine Unsicherheit für das Einzige, das sich dem Zorn des Tyrannen nicht entziehen konnte: Henriette, die hilflose.

Die Haustür war immer noch offen und das Licht war nicht gelöscht worden. Der Anblick des Wohnzimmers war chaotisch. Das Monster von Ehemann hatte immer noch die Füße fest auf dem Boden, der Rest im Sessel war zur Seite gekippt und der hängende Kopf gab Geräusche von sich, die nun endlich zum Äußeren passten. Henriette lag totenbleich an einen Einbauschrank gelehnt in der Küche. In der einen Hand hielt sie eine Kehrschaufel, die andere hatte sie fest auf ihren ohnehin schon so stummen Mund gepresst. Ihre Augen waren weit aufgerissen, so rund und groß wie die Deckel der unsäglichen Bierflaschen. Nicht einmal die sichtbaren Hämatome hatten sie schließen können. Johan kniete vor ihr nieder und nahm ihr die Schaufel aus der Hand.

"Scheiße, komm, ist schon gut, wir hauen ab. Kannst du fahren? Ich kann es auch probieren, aber ich weiß nicht genau, wie man fährt. Komm, steh auf, bitte, komm", flüsterte er in ihr fahles Ohr.

Sie reagierte nicht, nur ihre Augen wanderten zu ihm hin. Kurzerhand hob Johan sie hoch. Er erschrak, denn sie war so leicht wie ein Schmetterling mit zerrissenen Flügeln. Er trug sie zur Treppe und setzte sie auf die untersten Stufen. Seine Tante war apathisch, im Schock. Johan lief zurück in das Wohnzimmer und riss eine Tagesdecke von der Couch. Dann durchsuchte er angewidert die Hosentaschen des völlig weggetretenen Dolph. Er brauchte die Autoschlüssel. Die Decke lag um Henriettes Schultern, doch sie zeigte noch immer keine Reaktion. Johan hasste sich selbst für das, was nun zu tun war. Muss sie in die Gänge bringen, sie kennt nur einen Tonfall.

"Hey, zuhören jetzt! Du tust, was ich sage, verstanden? Du packst deine Sachen für eine Woche und was ihr Weiber halt so braucht. Jetzt. Und zwar schnell. Hand auf!", herrschte er sie an und siehe da, sie gehorchte. Er ließ den Autoschlüssel in ihre ausgestreckte Handfläche fallen.

"Dann fährst du mit Sack und Pack ins Krankenhaus. Nicht zum Einkaufen, nicht zum Bierholen, sondern in die Klinik. Da lässt du dir helfen. Aber lass deinen Ausweis hier. Und erzähl niemandem hiervon. Ich brauche Zeit. Klar soweit?"

Ihre Finger schlossen sich um die Schlüssel und sie nickte. Begann heftig zu heulen. Johan hatte selbst einen Kloß im Hals, aber er beherrschte sich.

"Du willst, dass das hier aufhört, oder? Dass alles hier aufhört? Für immer?"

"Ja", brachte sie brüchig hervor und umarmte Johan ungeschickt.

"Komm langsam mal in die Puschen und dann Abflug. Wenn alles durch ist, und die sagen es dir dann schon, suchst du dir Hilfe und kommst nie mehr her. Und nimm das verdammte Kopftuch und die Schürze ab."

Er beobachtete, wie der BMW sich entfernte. Eine beschützt. So konnte es nicht weitergehen. Es gab Dinge zu tun. Johan begab sich voller Furcht und klopfendem Herz langsam die Treppe hinauf zu seinem Zimmer. Er klopfte gegen die Tür, sammelte sich.

"Hey, du Ding! Lass den Deckel unten. Wir müssen dringend mal reden!", rief er durch das Holz, bevor er sich zum Eintreten überwand.

Die Truhe war geschlossen, aber ihre Aura war spürbar. Johan schluckte den "Renn weg"-Impuls, den ihm sein Reptiliengehirn diktierte, herunter und nahm vor der Truhe auf dem Bett Platz. Immer mehr sah das Gebilde weniger wie ein simples Möbelstück, sondern wie ein irgendwie organisches Gebilde aus. Waren Beschläge Augen? Waren Griffe Gliedmaßen? Schauer jagten durch seinen Körper.

"Du hasst ihn genauso wie ich. Ich will ihn tot sehen. Nochmal, lass den Deckel zu, sonst geh ich und brenne die ganze Drecksbude ab. Das meine ich ernst. Zum Verständnis: Ich bin von allen verlassen worden und hänge hier fest. Verstehst du das?"

Nichts.

"Eigentlich sind wir uns da nicht unähnlich. Du bist hier eingesperrt wie ich auch. Du wahrscheinlich viel länger. Ich dachte, wir könnten da was drehen. Ich hab mir was ausgedacht. Interesse? Du kriegst ihn. Und ich hab noch mehr anzubieten."

Nichts.

"Letzter Versuch. Einmal Kratzen für "Ja", zweimal für "Nein". Verstehst du mich?"

Ein Kratzen, das von jeder Seite, dem Deckel und dem Boden der Truhe zu kommen schien, hätte Johan in die Knie gezwungen, aber glücklicherweise saß er ja bereits. Es hallte unheimlich in Johan nach wie ein Echo.

"Dein Anteil wäre klein, die meiste Arbeit mach ich. Immer noch dabei?"

Kratz

"Okay. Ich brauche Folgendes …"

Trotz des versprochenen Waffenstillstandes war es keine Option, die Nacht im Zimmer zu verbringen. Deshalb zog er sich mit Decke und Kissen wieder auf die am weitesten vom Fenster entfernte Ecke des Vordaches zurück. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Stunden zogen sich hin, während der Wunsch, etwas zu unternehmen, zunahm. Schließlich, als er schon nicht mehr daran geglaubt hatte, hörte er, wie sein verkommener Onkel die Treppe hochkam. Und "hochkommen" konnte nicht besser passen. Durch eine geschlossene Tür, einen Gang, ein Fenster, war zu hören, wie er hingebungsvoll in das Emaille der Kloschüssel reiherte. Johan konnte sich vorstellen, wie sich der Widerling den Schleim vom Mund wischte, bevor er sich in sein Bett schleppte. Dem ist jetzt alles egal, ich geh los, so oder so. Als er wieder in das Zimmer kletterte, sah er sofort, dass sein zweifelhafter Verbündeter Wort gehalten hatte. Etwas, der Leichenfinger, hatte eine Nachricht eingekratzt in der Wand hinterlassen: 6-5-3-2-1. Kaum zu glauben, dass er das Gekotze aber das Kratzen nicht gehört hatte. Unwillkürlich nickte Johan, rammte sein Bettzeug an seinen Platz und murmelte ein gepresstes "Danke". Dann machte er sich auf den Weg in einen langen Tag, weite Fußwege und viele Einkäufe, die auch noch Geduld erforderten. Aber jeder erledigte Punkt der Vorbereitungen verschaffte ihm schlussendlich Befriedigung, für Zweifel hatte er schlichtweg keine Zeit.

"Wo ist meine FRAU?", röhrte Dolph, als Johan ihn wieder im Wohnzimmer antraf.

Irgendwie hatte der Kerl es wohl geschafft, sich wenigstens die Hose auszuziehen. Optisch besser machte es die Sache natürlich nicht. Außerdem war er in Ermangelung von Bier auf Schnaps umgestiegen, eine Flasche Obstler hielt er in der haarigen Pranke, was Johan nur recht sein konnte. Sauf und penn, nicht viel denken.

"Keine Ahnung, die Garage ist offen, das Auto ist auch nicht da. Vielleicht einkaufen?", sagte Johan harmlos.

"Wird ihr verdammtes Glück sein", lallte sein Onkel und wankte wieder die Treppe hinauf.

Als er sich sicher sein konnte, dass der Mann wieder außer Gefecht war (Geschnarche wie ein Walross mit Stockschnupfen), machte sich Johan an den unangenehmsten Teil seines Plans. Diesmal wartete er nicht ab, sondern betrat das Zimmer selbstbewusst und so energisch, wie es ihm möglich war.

"Kann es losgehen?"

Kratz

Es kostete Johan mehr als Überwindung, die Truhe an ihren Griffen anzufassen und hochzuheben. Der Ekel, den er fühlte, und das Wissen um die dunkle Natur des Dings griffen in seine Gedanken. Der Wunsch nach Gerechtigkeit und Richtigkeit ließen ihn weitermachen. Er hob die Truhe also hoch und wuchtete sie aus dem Zimmer.

"Mach dich nicht extra schwer", sagte er, ein wenig, um sich selbst Mut zu machen.

Kratz, kratz, kratz

Die Truhe war im linken Schuppen vorerst sicher verstaut, also zog Johan die Latexhandschuhe aus seiner Gesäßtasche. In seinen Gedanken war alles geplant, aber Dinge konnten passieren. Keine Fehler jetzt. Ein wenig Herumtasten war nötig, um an den Tresor zu kommen. 6-5-3-2-1. Johan nahm sein Handy und die Pistole an sich. Mehr Herumprobieren, aber schließlich war er sich sicher, dass die Waffe geladen und entsichert war. Er machte sich auf dem Weg in das Schlafzimmer seines Onkels nicht mehr die Mühe, leise zu sein.

"AUFSTEHEN!", schrie er, als sich Dolph nach den ersten Aufforderungen immer noch nicht rührte. Da blinzelte der Drecksack endlich und griff doch tatsächlich als erstes nach der Schnapsflasche auf dem Nachttisch. Johan trat sie kurzerhand weg, bevor der Mann sie erreichte.

"Die brauchst du jetzt nicht."

"Was willst'n, mieser …?", brachte Dolph heraus, dann war er tatsächlich so fokussiert, dass er die Waffe in Johans Hand erkannte.

"Aufstehen", wiederholte Johan.

"Dafür hast du nicht die Ei…"

Johan feuerte in den Fußboden. Lautstärke und Rückstoß überraschten ihn. Er ließ es sich nicht anmerken. Im Flur versuchte der alkoholisierte, desorientierte Kerl wegzulaufen. Johan trat ihm von hinten schwungvoll die Beine weg. Sein Onkel schlug ironischerweise krachend mit dem Schädel gegen Johans Zimmertür. Danach war der Kerl gefügiger. Vielleicht hatten ihn Angst und Zwang ein wenig nüchterner gemacht, jedenfalls ließ er sich auf den Hof bringen.

"Bringst du mich jetzt etwa um?"

"Ich? Nein, keine Sorge. In den Schuppen links jetzt."

"Was soll … Hier stinkt es nach …", sagte Dolph und dann sah er im Zwielicht die Truhe. Der Deckel hatte sich von alleine weit geöffnet.

"Schwein, SCHWEIN, mieser Scheißer!" Ach, jetzt kannst du heulen.

"Reinstellen."

Tränen und Rotz flossen über das fette Gesicht, dann begann das Flehen. Aber in Johan hatte sich etwas verhärtet. Schließlich stieg Dolph in die Truhe. Johan hatte nicht gewusst, was nötig war, und diese Überlegungen wurden ihm abgenommen. Dolph sackte bis zu den Knien in den Boden, dann bis zur Hüfte. Seine Arme stemmten sich in die Seiten der Truhe. Er schrie, Johan sah geschockt, aber gefasst zu. Endlich war sein Onkel im Inneren verschwunden. Der Deckel schnappte zu, nur um sich sofort wieder einladend zu öffnen. Ein Teil der Abmachung.

"Keine Deals mit Dämonen, so oder so", sagte Johan und schoss auf den vordersten der von ihm deponierten Benzinkanister.

Er war sich absolut nicht sicher, ob sich der Treibstoff, die Dämpfe und was er verschüttet hatte, sofort entzünden würden. Was er nach dem Knall der Waffe hörte, war am ehesten als ein tiefes Einatmen, gefolgt von einem monströsen Husten zu beschreiben. Eine Feuerwalze schleuderte Johan aus dem Türrahmen auf den Hof. Einen Moment lang konnte er sehen, was tatsächlich in der Truhe hauste. Dann wurde seine Welt noch viel heller, seine Sicht wurde ausgelöscht. In seinem Kopf hörte er wüstes Knirschen, dann kam der Schmerz. Er fand sich nun wirklich auf dem Rücken liegend wieder und spürte, dass ihm eine Menge Blut aus der Nase lief. Unwillkürlich fasste Johan sich in das Gesicht. Alles war verletzt, verbrannt und irgendwie schwammig. Seine Nasenwurzel war gebrochen. Während das Monster in dem Schuppen, der nach und nach zusammenzubrechen begann, seine letzten Zuckungen machte, fand er neben sich den letzten Gruß. Den letzten Versuch, Johan doch noch umzubringen. Einer der Messinggriffe war herausgeschleudert worden und hatte ihn voll erwischt. Johan rappelte sich auf, zog die Handschuhe ab. Dann warf er sie mitsamt der Pistole und des Griffes in das flammende Überbleibsel des kleinen Gebäudes.

Während sich im Badezimmer ein Frottee-Waschlappen knallrot von seinem Blut färbte, und er sah, wie das Fleisch um seine Augen herum anschwoll und sich violett verfärbte, hörte er die ersten Sirenen. Er musste sich eine gute Geschichte ausdenken. Niemand auf der Welt würde mir die Wahrheit glauben.

Sofern nicht anders angegeben, steht der Inhalt dieser Seite unter Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 License