Robins Vorstellungsbox

Unerwarteter Besuch

Für Noel war es ein Feierabend, wie er ihn noch nie erlebt hatte. Nach der letzten Arbeitswoche, welche überraschend stressig und nervenaufreibend gewesen war, lag er sich auf sein mit Leder bezogenes Sofa und überlegte, ob er heute doch nicht einfach schlafen sollte, anstatt noch seinen letzten Erfolg mit seinen Freunden feiern zu gehen. Schließlich hatte er in dieser Woche bisher nur vier Stunden pro Nacht geschlafen. Der junge, 30-Jährige und selbstständige Architekt war sich sehr sicher, dass der heutige Kunde kein Mitglied der sozialen Gemeinschaft war und mit keinem bisschen die Arbeit der hart arbeitenden Gesellschaft würdigte und eher auf sie spucken würde, wenn auch nur der kleinste Makel auf dem Produkt vorhanden war. Besonders schwierig war es, diesen Kunden mit den bisherigen Entwürfen für sein neues Heim zufriedenzustellen, da alles so sein sollte, wie er es sich im Kopf ausmalte. Dabei schienen ihn nicht einmal die physikalischen Grenzen der Natur in seinem Vorhaben davon abzuhalten, Noel damit zu beauftragen, jedes einzelne Mal einen neuen Entwurf zu erstellen, damit er endlich seinen Willen gegen die Natur selbst durchsetzten konnte. Aber doch konnte Noel den Kunden am Ende zufriedenstellen und ihm seinen letzten Entwurf verkaufen.

Zwar waren Noels Energiereserven aufgrund dieser Woche beinahe erschöpft, aber er kratzte noch etwas Restenergie zusammen, um sein Smartphone aus seiner Hosentasche zu greifen. Es vibrierte kurz und ein sachter und kurzer Klingelton erfüllte das Wohnzimmer, in welchem Noel sich befand. "Eine Nachricht um die Zeit?", fragte sich Noel gedanklich. Es war recht untypisch, dass zu dieser späten Uhrzeit noch irgendjemand, den er kannte, Nachrichten an ihn sendete, denn es war bereits vier Uhr morgens. Ohne mit der Wimper zu zucken, starrte er auf den hell werdenden Bildschirm und begutachtete aufmerksam die Nachricht, welche ihm von einer privaten Nummer gesendet wurde. Anfangs nahm Noel an, es wäre wieder dieser Betrüger, welcher schonmal unter privater Nummer versuchte, ihm in einem Telefongespräch ein "Ja" aus dem Mund zu locken, damit er ihm das Geld aus der Tasche ziehen konnte. Aber diese Nachricht war etwas speziell.

"Unser Headhunter bestätigte uns, dass sie dafür geeignet sind, bei unserer Einführungsuntersuchung und unserem Einstellungstest teilzunehmen. Herr Noel Dubois, sollten Sie Ihr momentanes Arbeitsumfeld als zu unpassend für Ihren herausragenden Intellekt befinden, so bieten wir Ihnen ein garantiert passendes Arbeitsfeld, welches sie intellektuell herausfordern wird, in dem sie ihre Grenzen überschreiten und für das größere Wohl arbeiten könnten. Ihnen bietet sich zudem ein sehr lukratives Entgelt mit einem lebenslangen Arbeitsvertrag, welcher Ihnen sehr viele Vorteile bietet. Sollten Sie sich also dazu entschieden haben uns weiter zuhören zu wollen und einen Berufswechsel in Betracht ziehen, so antworten Sie auf diese Nachricht mit einer '1'. Wir freuen uns auf ihre Nachricht!", lautete die Nachricht. Noel war etwas verwirrt, selbst nachdem er den Text nun mehrere Male durchgelesen hatte. Dies war mehr als nur dubios, aber sein Arbeitsumfeld war wirklich langweilig und nicht wirklich mental herausfordernd, bis auf die Situation mit dem Kunden in der letzten Woche. Nach einer gründlichen Überlegung öffnete er schließlich die Tastatur seines Smartphones, drückte auf die "1" und antwortete so auf die Nachricht. Er saß inzwischen aufgerichtet und hellwach auf seinem Sofa und wartete einige Minuten auf eine Antwort.

"War es doch nur ein Betrug?", fragte Noel sich selbst voller Zweifel. Dass er auf eine solch offensichtliche Lüge hereinfallen würde, hätte er nie gedacht. Er schob die Schuld auf die späte Uhrzeit und darauf, dass er eigentlich schon längst in seinem Bett liegen sollte. Aber bevor Noel weiter seine Gedankengänge verfolgen konnte klingelte es an seiner Haustür. Er starrte runter zu seinem noch immer entsperrten Smartphone und las die Zeit, "04:25", ab. Genau fünf Minuten nachdem er auf die Nachricht geantwortet hatte. Andererseits schlug Noel jetzt bereits alle Hoffnung aus, dass es sich dabei um die Vertreter dieses dubiosen Nachrichtensenders handelte. Er öffnete seine aus Eichenholz gefertigte Tür langsam und beäugte die zwei riesigen Gestalten, welche sich vor ihm auftürmten. Er selbst war mit seinen 1,82 Metern eigentlich von stattlicher Größe, aber diese zwei Gestalten, welche vor ihm standen, waren beide mindestens einen Kopf größer als er selbst. Noel musste sein steifes Genick stark nach hinten beugen, damit er den beiden überhaupt ins Gesicht sehen konnte. Sie hingegen mussten ihren Nacken stark nach vorne beugen, damit sie ihn aus der Nähe beobachten konnten.

"Guten Morgen, mein Name ist Agent Meier, dies ist meine Kollegin, Agentin Nowak. Wäre es uns gestattet, dass wir mit Ihnen kurz ein Wort wechseln würden?", fragte die Gestalt links von Noel, welche sich als Meier erkenntlich gab. Seine Stimme war sehr tief und bei jedem Wort dachte Noel für einen Moment, dass die Luft um ihn herum wie wild zu vibrieren begann. Nach einem Moment realisierte Noel, dass die beiden eintreten wollten, damit sie nicht draußen in der Winterkälte stehen mussten.

"A- Aber natürlich, bitte treten Sie ein", antwortete Noel und versuchte dabei so gut es ging seine Nervosität zu verstecken, während die beiden eintraten und ihn bis an die Wand seines Flurs drängten. Die Agenten, welche sich derzeit in seinem Haus befanden, waren unglaublich einschüchternd. Ihre Art, wie sie sich bewegten, ihre Kleidung sowie ihr Aussehen, welches Noel erst jetzt erblicken konnte. Durch die Dunkelheit der Wintersnacht draußen hatte er sie, trotz ihrer Größe, nicht wirklich erkennen können. Für einen Augenblick dachte Noel, dass es aufgrund der Größe sein könnte, dass er nichts erkannte, aber er beschränkte sich erstmal darauf, die beiden Agenten so gut es ging einschätzen zu können. Die beiden Gestalten traten durch die Tür in das Haus ein und schienen es sich sofort im Wohnzimmer gemütlich zu machen.

Agent Meier als auch Agentin Nowak hatten beide einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd an, wobei sich Agent Meier wohl dazu entschied, die Krawatte abzulegen. Trotz des Anzuges, welcher nur wenig erlaubte, die Figur des Gegenübers zu erkennen, war Agent Meier sehr breit und muskulös gebaut. Er wirkte so, als hätten seine Arbeitgeber ihn frisch aus der Bundeswehr abgezogen, damit er von Tür zu Tür gehen konnte, um mit den Kunden die Steuererklärung zu machen. Sein Anzug schien etwas zu eng für seinen Körperbau zu sein und trotzdem war er sehr ordentlich gekleidet. Seine Kollegin Nowak hingegen schien den Anzug eher als Vorschlag anstatt als Uniform zu betrachten. Die Knöpfe des Anzugs waren offen und entblößten das zerknitterte, weiße Unterhemd. Dieses Hemd als "weiß" zu betrachten wäre eigentlich eine üble Anmaßung für die gesamte Farbe gewesen, denn ihr Hemd schien von oben bis unten mit leichten Dreckspuren versehen zu sein. Im Gegensatz zu ihrem breit gebauten Kollegen, war sie, trotz ihrer beachtlichen Körpergröße, eher grazil gebaut. Alles an ihrem Körper wirkte sehr schlank und auch elegant, sei es nicht für ihre grobe Art zu gehen oder sich zu setzen, welche das Gesamtbild etwas ruinierten. Beide besaßen lange, schwarze Haare und Meier hatte sich diese zu einem Dutt auf seinem Hinterkopf zusammengebunden, während Nowak sie offen trug. Ein kleines Detail teilten sich jedoch die Agenten und Noel konnte sich nicht erklären, wieso, aber er konnte die Gesichter der beiden nicht erkennen oder voneinander unterscheiden. So, als wäre in Echtzeit ein Zensierfilter über ihre Gesichter gelegt worden, welcher verhindert, dass genauere Details im Gesicht erkennt werden können. Nur von ihrer Statur und ihrem Kleidungsstil waren sie zu unterscheiden.

"Also, wie Sie schon wissen, haben Sie unserem Angebot zugestimmt. Seien Sie froh, dass wir Ihnen diese Chance bieten, nicht jeder wird als würdig empfunden bei unserer Organisation zu arbeiten…", begann Agent Meier zu erklären. Trotz seiner tiefen und recht bedrohlichen Stimmlage waren seine Worte nett und behutsam gewählt. Mit einer unscheinbaren Nettigkeit erklärte er Noel immer weiter, was sie nun von ihm wollten.

"Kommen wir zum Punkt. Wir vertreten eine geheime Organisation mit dem Namen 'SCP Foundation'. Diese stammt ursprünglich aus den USA und besitzt hier im gesamten, deutschsprachigen Gebiet eine Tochterorganisation mit dem gleichen Namen. Unser Headhunter hat sie die letzte Woche beobachtet und getestet, bis er schließlich ein positives Gutachten erstellte und uns mitteilte, dass Sie geeignet sind für uns zu arbeiten", erzählte er weiter. Seiner Kollegin schien die Rederei nicht zu gefallen, was an ihrem immer grimmiger werdenden Blick zu beobachten war. Noel war sich zwar unsicher, ob er wirklich einen Blick hinter diesem scheinbaren Zensierfilter erkennen konnte, aber sein Gefühl verriet ihm, wie die Agentin dreinblickte.

"Komm' mal richtig zum Punkt, M", unterbrach Nowak ihn leicht genervt, ohne dabei ihren Kopf in Richtung ihres Kollegen zu bewegen. Der plötzliche Kommentar von Nowak schien Meier zu irritieren und das Wort verlieren zu lassen. Er räusperte sich leicht nach einigen Momenten und murmelte etwas in seine Faust, allerdings konnte es keiner im Raum, außer ihm selbst, verstehen. Noel blickte verwirrt die beiden an und fragte sich, ob er nicht doch seine Medikamente absetzen sollte, da er anscheinend etwas halluzinierte. Diese Situation war für ihn zu absurd.

"Gut, wir wollen Sie einstellen, da sie Potenzial zeigen, wie wir es suchen. Noch können Sie sich entscheiden abzulehnen, dann werden Sie alles vergessen, was geschehen ist und wir werden uns nicht mehr bei Ihnen melden. Aber wenn Sie sich entscheiden, mit uns zu gehen, werden Sie eine strahlende Zukunft erleben!", beendete Agent Meier nun seinen Vortrag. Agentin Nowak hielt sich eine ihrer zierlichen Hände an ihre linke Schläfe, auch sie war wohl müde.

"Jap, ich setze die Medikamente ab", dachte Noel ohne seine Mimik zu verändern. All dies war zu absurd für ihn. Meier war immer noch in seinem Vortragsmodus und wollte direkt weitererzählen, welche tollen Vorteile es hatte für diese Geheimorganisation zu arbeiten und während Noel weiter grübelte, welche Medikamente er noch absetzten musste, wurde ihm schwarz vor Augen und er hörte nichts mehr. Für eine Weile nahm er nichts mehr wahr, es schien alles nur wie ein Traum. Als er seine Augen jedoch wieder öffnete, war er in einem spärlich eingerichteten Zimmer aufgewacht. Er blickte sich um und registrierte, dass er sich in seinem Quartier befand. Noel erinnerte sich, dass er sich schon vier Tage lang an Standort-DE15, einer Einrichtung der SCP Foundation, befand und das mit nur eingeschränktem Kontakt zu seinen Eltern und Freunden. Wie in einer Zelle eingesperrt fühlte er sich in seinem eigenen Quartier und er hatte hier weniger Schlaf bekommen, als in der letzten Woche seines normalen Lebens.

"Eine strahlende Zukunft war, was du mir gesagt hast, was, Agent Meier?", fragte er sich selbst laut, während er leise begann zu lachen. Er richtete sich in seinem Bett auf und hielt sich beide Hände an sein durch die stickige Wärme nassgeschwitztes Gesicht.

"Ich weiß zwar nicht wieso, aber das hier hat keine strahlende Zukunft, das hier wird etwas ganz anderes werden."

Fortsetzung folgt

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