Robins Märchenbox 2

Die dunkelrote Sonne versank langsam am schwarzen Horizont, und mit den letzten warmen Strahlen des Tageslichts schwand ein weiteres Mal die Hoffnung ein kleines Stück.
Der Archivar trommelte unruhig mit den Fingern seiner rechten Hand auf die glatte, hellbraune Oberfläche des Tisches im Konferenzraum. Mit ihm saßen noch einige weitere hochrangige Agenten in dem lichtdurchfluteten, kahlen Raum und diskutierten miteinander wild durcheinander.
Draußen flog einer der Kampfhubschrauber der Foundation vorbei, seine lauten Rotorblätter nur wenige Meter von der breiten Fensterfront entfernt. Die Suchscheinwerfer tasteten sich langsam Meter für Meter durch die Straßen, auf der Suche nach Wirten.
Eine Sirene durchbrach für einen Atemzug das Stimmengewirr im Raum, dann lehnte sich der erste Anzugträger wieder seinem Diskussionspartner entgegen und insistierte:

„Wir müssen jetzt die schweren Geschütze auffahren! Wenn wir uns noch länger zurückhalten, ist bald nichts mehr zu retten!“

Erneut brach das geladene Stimmengewirr los. Argumente für und gegen härtere Schläge wurden laut, es wurde auf Zurückhaltung und Bedeckt-halten gepocht.

„Es ist nur hier ausgebrochen! Bisher ist nur Bielefeld befallen; wenn wir jetzt zu große Geschütze auffahren, riskieren wir nur, dass zu hohes Aufsehen auf die Sache gelenkt wird!“

Ein weiterer Hubschrauber flog in der Ferne vorbei. Das Heulen der Alarmsirene wurde lauter und die eines Krankenwagens stimmte mit ein. Der wievielte es war, den der Archivar an diesem Tag hörte, wusste er nicht. Glaubte wirklich noch irgendjemand, das da draußen sei unter den Tisch zu kehren? Oder dass wirklich nur Bielefeld betroffen war? Das da draußen war die Hölle, und sie hatte sich schneller ausgebreitet, als auch nur irgendjemand hatte ahnen können.
Die Tür wurde schwungvoll aufgestoßen und traf mit Wucht gegen die Wand. Der General, der mit schwerem Schritt, glänzenden Armeestiefeln und der Haltung und Ausstrahlung eines sehr erfahrenen Veterans den Raum betrat, zog sofort alle Aufmerksamkeit auf sich und brachte die Männer und Frauen erneut zum Schweigen.
Hinter dem General her tänzelte nervös dessen junge Sekretärin, in den Armen einen Laptop, welchen sie kabellos mit dem Bildschirm an der Wand an der Stirnseite des Raumes verband.
Die Bilder, welche nun auftauchten, ließen den Archivar schlucken und ein Gefühl der Beklemmung, gemischt mit der Erkenntnis, dass sie versagt und zu lange gezögert hatten, machte sich in ihm breit.
Brennende Autos, Lagerfeuer auf den Straßen und das kurze Video einer Notaufnahme, die vollkommen verwüstet worden war, liefen über den Bildschirm. Der Archivar erkannte den Jungerfernstieg, er erkannte den Alexanderplatz, den Haidplatz in Regensburg und den Kölner Dom, welcher vom Flammenschein der brennenden Häuser erhellt war. Zuletzt wurde das neuste Satellitenbild von Paris gezeigt. Auch hier herrschten Anarchie, Chaos und Zerstörung. Nein, es war nicht nur Bielefeld.

„Was Sie hier sehen, meine Damen und Herren, ist die aktuelle Lage in ganz Deutschland und mittlerweile auch den angrenzenden Ländern. Vor wenigen Minuten, ja, Minuten, waren weder Paris, noch London, noch Berlin befallen. Es breitet sich schneller aus als je ein Eindämmungsbruch bevor. Wir müssen jetzt handeln, sonst ist es zu spät.“

Der hallende Knall einer lauten Explosion in der Ferne unterstrich den Ernst der Lage. Diejenigen, die eben noch auf Zurückhaltung und Ruhe bestanden hatten, waren kreidebleich geworden.

„Wir haben eine einsatzbereite Menge an Waffen der Gattungen A, B und C, welche für diesen Fall als hilfreich angenommen werden. A steht für Atomar, da-,“ wollte die junge Frau erklären, welche soeben das Wort übernommen hatte. Sie war Waffenexpertin und maßgeblich an der Forschung und Erprobung neuer Einsatzmittel beteiligt, doch sie wurde durch ein Abwinken des Generals unterbrochen.

„Die Details sind unwichtig. Jede Sekunde breitet es sich mehr aus, was wir nicht haben, ist Zeit. Handeln oder Siechtum“, schloss er.
Es wurde dunkel am Himmel, die ersten Sterne hätten am Firmament erscheinen müssen, doch der Rauch der brennenden Häuser, Autos und der Lagerfeuer sammelte sich zu einer undurchdringlichen, grauen Schicht, die in den Augen und der Lunge brannte.
Die Welt stand am Rande des Untergangs und die Menschheit hatte die Grenze zum Wahnsinn und der Verzweiflung längst hinter sich gelassen. Wer noch nicht befallen oder tot war, hatte sich irgendwo verschanzt, um den Angreifern und den außer Kontrolle geratenen Menschen zu entgehen - oder war einer der hier Anwesenden und nun gezwungen, eine Entscheidung über diese Lage zu treffen und schnell zu handeln.
Die zwanzig anwesenden Agenten, Forscher und der Archivar waren geschult in Ausnahmesituationen – aber nichts konnte sie auf den Weltuntergang vorbereiten.

„Wir bilden vier Teams. Jeder ist ab sofort als Mitglied einer Mobile Task Force dafür verantwortlich, diesen Wahnsinn mit zu beenden. Team Alpha wird sich unter Doktor Fischer mithilfe von atomarer Bewaffnung bereit halten. Team Beta ist unter Professor von Barlow für den Einsatz der biologischen Bewaffnung zuständig, Team Gamma wird mit chemischer Bewaffnung ausgestattet und von Captain Wood angeführt. Und schließlich Team Delta unter dem Archivar: Sie werden weitere Instruktionen erhalten. A, B und C: Sie wissen Bescheid. Halten Sie sich an die Hotspots, die Ihrem Team zugeschrieben sind. Ihre Aufgabe ist es, Team Delta den Rücken frei zu halten und parallel Informationen zu sammeln, welche Delta helfen könnten. Dies fällt vor allem auch in Ihren Aufgabenbereich, Beta. Die Welt liegt in Ihren Händen. Wenn Sie versagen, gibt es niemanden mehr, der enttäuscht sein könnte.“

Augenblicklich rief Doktor Fischer ihre Crew zu sich, die drei Männer, auf welche der General während seiner Einteilung gedeutet hatte, sammelten sich um sie und holten sich noch Kommunikatoren bei der Sekretärin ab, dann eilten sie vermutlich in Richtung des Waffenlagers, ebenso war es bei Woods und von Barlows Team zu beobachten. Nur Team Delta verblieb noch am nun mit Notizen, Kaffeetassen und Stiften gespickten Tisch. Unter dem Befehl des Archivars befanden sich also ein junger Ingenieur, einer Ausbilderin für neue Agenten, einer Forscherin und ein schweigsamer Waffenexperte.

„Sie, meine Herrschaften, sind das, was man ganz theatralisch als unsere letzte Hoffnung bezeichnen kann, wenn die anderen Einsatzteams versagen. Sie werden sich, während sich Ihre Kollegen dort draußen austoben und Ihnen den Rücken freihalten, zum Ursprung dieses Chaos vordringen und das Nest des Ganzen niederbrennen – wobei wir nicht wissen, wie effektiv Feuer gegen diese Dinger ist, also seien Sie auf alle Eventualitäten vorbereitet. Clarissa, erläutern Sie weiter den Plan. Ich habe mich beim O5-Rat zu melden.“

Mit einem aufmunternden Nicken verließ der General den Raum. Seine Sekretärin räusperte sich und begann, noch immer dem Laptop zugewandt, zu sprechen, während sie eine Karte der Stadt öffnete und auf den Tierpark zoomte.

„Wir haben es geschafft, den Ursprung der Plage auf dieses Gebiet einzugrenzen. Von hier aus hat es sich ausgebreitet, wir vermuten also, dass hier eine Art Nest sein müsste.“

Die Forscherin aus dem Bereich Biologie und Biochemie namens Linda Mendoza unterbrach die Sekretärin bei ihrer Ausführung.

„Wissen wir, welchen Ursprungs diese Dinger sind? Also, synthetisch, biologisch, oder gar außerirdisch?“

Der blonde Zopf der Frau am Laptop schwang hin und her, als sie den Kopf schüttelte.

„Sicher sind wir uns nicht. Vor zwei Tagen, also kurz vor dem Ausbruch, meldete sich ein Anwohner bei der Polizei. Laut unseren Quellen vor Ort habe er ein unbekanntes Flugobjekt gesehen, welches nach kurzer Flugdauer in den Tierpark stürzte. Allerdings soll dieser Augenzeuge wohl betrunken gewesen sein und deswegen begrenzt glaubwürdig.“

Mendoza nickte, dies reichte ihr, um sich auf alles einzustellen.

„Es könnte sich sowohl um eine außerirdische Spezies als auch um einen Angriff biologischer Kriegsführung sein.“

„Rüsten Sie sich mit allem aus, was Sie als hilfreich erachten. Sie sind dort draußen nun die Experten, in zehn Minuten geht ihr Helikopter.“

Clarissa, die Sekretärin, synchronisierte die fünf Einsatzcomputer des Delta-Teams mit der Zentrale und atmete noch einmal tief durch.

„Viel Erfolg da draußen.“

Der Archivar nickte ihr zu, und führte er die vier anderen hinaus.
Er wies sie an, alles an Ausrüstung bereit zu machen und sich in acht Minuten am Landeplatz zu treffen. Während sich seine Mannschaft in die Richtungen ihrer jeweiligen Lager aufmachte, setzte sich der Archivar ebenfalls in Bewegung. Er lief am Fahrstuhl vorbei und begann die Treppe hinabzusteigen - der Fahrstuhl wäre in Anbetracht des Zeitdrucks zu langsam gewesen.
Seine Schlüsselkarte holte er bereits im Laufen aus der Tasche, entsperrte die Tür der zweiten Ebene und lief den weißen Flur hinüber zum Archiv. Dort angekommen kopierte er alle SCP-Akten, welche für den Einsatz von Relevanz sein konnten, auf seinen Einsatzcomputer. Die Technik der Foundation war hoch entwickelt und entsprechend schnell ging alles von Statten, dennoch sah der Archivar während der ganzen Prozedur immer wieder ungeduldig auf die Uhr, welche an der Wand über dem Schreibtisch tickte und ihn daran erinnerte, dass seine Zeit ablief. Vier Minuten, nachdem er den Vorgang gestartet hatte, meldete ein leises "Pling" den Erfolg der Synchronisierung. Der Archivar verzichtete gegen seine normale Gewohnheit darauf, die Programme ordentlich zu beenden und lief stattdessen sofort los zum Landeplatz, über dem bereits der graue Helikopter kreiste, an dessen Seiten, das Logo der Foundation, der große Kreis mit den drei nach innen gerichteten Pfeilen, prangte.

Der Hubschrauber war pünktlich zehn Minuten nach Ansage des Generals gelandet, als sich auch die anderen Mitglieder des Delta-Teams auf der Plattform wiederfanden.
Jeder von ihnen hatte sich einen großen, gut gefüllten Rucksack über die Schulter gehängt, in denen jeweils Ausrüstung aus ihrem Fachbereich zu finden war.
Der von den Rotorblättern ausgelöste Wind ließ die Haare der fünf Teammitglieder im Wind tanzen, als sie auf den noch immer laut heulenden Helikopter zugingen.
Der Archivar sprang als erster mit einem eleganten Satz in den kleinen Passagierraum des Fluggerätes hinein. Er nickte der Pilotin und ihrem Copiloten zu, nahm sich einen der Lärmschutzkopfhörer und setzte sich auf den hintersten Sessel. Als der letzte, der junge, schweigsame Waffenexperte im Hubschrauber saß und sich anschnallte, hoben sie bereits ab. Das Heulen der Sirenen in der Ferne schwoll an, doch wurde es vom Röhren des Motors übertönt. Per Zeichensprache erkundigte sich der Archivar, ob alle Teammitglieder ihre Kommunikatoren im Ohr hatten. Sie signalisierten Zustimmung und er begrüßte sie zum ersten Mal als ihr Teamkapitän offiziell zu dieser Mission und forderte sie auf, sich kurz vorzustellen.

„Linda Mendoza“, begann die Forscherin, „leitend im Bereich Biologie und Biochemie hier im Standort. Ich bin dabei, um ein möglichst effizientes Vorgehen gegen diese Plage zu finden. Ich schrieb meine Doktorarbeit über ein verwandtes Phänomen.“

„Ingenieur, Robert Griffel, warum ich dabei bin kann man sich ja denken, 'nen Ingenieur braucht man immer mal“, schloss sich der Sitzpartner zu ihrer Linken an, ein hochgewachsener Mann mit kurzen, zurückgegeelten Haaren und einer Brille mit dünnem Rand. Der Archivar nickte und gab das Wort an die Kampfexpertin weiter.

„Lucie Ishii, ich wurde zur Ausbildung von neuen Agenten aus Amerika her versetzt. Meine Bereiche sind Nah- und Fernkampf sowie verbale und psychologische Kampftaktiken.“

Blieb nur noch der schweigsame, dunkle Mann mit den schwarzen Haaren und dem ebenso dunklen Drei-Tage-Bart.

„Cortez, Trent. Ich entwickle Waffen, hab auch ein Paar dabei“, stellte er sich kurz angebunden mit dem Anflug eines amerikanischen Akzents vor. Kaum waren sie wenige Minuten in der Luft gewesen, senkte sich der Helikopter auch wieder dem Boden entgegen.

Die Pilotin ließ ihre Maschine einen halben Meter über dem Dach der Zooschule, mitten im Tiergarten schweben. Wieder sprang der Archivar als erster, dieses Mal auf das flache Dach. Er federte den kurzen Fall ab, indem er leicht in die Knie ging, richtete sich dann auf und hob noch eine Hand zum Gruß an die Pilotin. Diese hob wieder ab, als alle fünf auf dem Dach standen und ihre Ausrüstung bereit machten.

„Aufgehorcht, es wird ernst. Hier haben wir noch ein letztes Mal wenige Sekunden, um alles bereit zu machen, und durchzuatmen. Sobald wir hier runter sind, werden wir weder halten, noch warten können. Jede Sekunde bedeutet eine weitere Ausbreitung unvorstellbaren Ausmaßes. Also, macht alles bereit, was ihr dabei habt. Sammelt euch noch einmal. Wir wissen nicht wirklich, was da unten auf uns zukommt, also rechnet mit dem Schlimmsten, was ihr im Einsatz je gesehen habt!“, erhob der Leiter es Delta-Teams, des Archivar, seine Stimme. Sein Team folgte mit kurzen und präzisen Bewegungen seiner Anweisung; der Ingenieur hatte bereits im Helikopter alles so gepackt, dass er schnell in seiner Tasche an notwendige Werkzeuge käme, die Kampfexpertin hatte ihre Feuerwaffen geladen und alle weiten und lose hängenden Teile ihrer Ausrüstung entweder festgeschnürt oder entfernt. Die Biochemikerin hatte ebenfalls eine Handfeuerwaffe ausgerüstet, dazu jedoch auch ein kleines Betäubungsgewehr und auf ihrem Einsatzcomputer, welchen sie am Gürtel befestigt hatte, luden noch die Daten über bekannte biochemische Gefahrstoffe und SCP-Objekte aus der Datenbank der Foundation.
Der Waffenexperte hatte eine kleine Handfeuerwaffe am Gürtel, ein Sturmgewehr locker über den Rücken geschnallt und noch etwas in seinem Rucksack zurechtgerückt, was, hatte der Archivar nicht erkennen können.
Er selbst hatte ebenfalls bereits während des Fluges alles zurecht gelegt. Alle wichtigen Pläne, welche er hatte finden und machen können, waren bereit auf seinem Bildschirm, seine Waffen waren geladen und entsichert, eine Rauchgranate hielt er bereit und seine schlichte, praktische Gasmaske hatte er am Hals hängen. Er zog sie über Mund und Nase, worauf das Team es ihm gleich tat. Als die eiligen Vorbereitungen abgeschlossen waren, gingen sie hinüber zum Rand des Daches. Es waren nur wenige Meter bis zum Boden, keines der Gebäude hier hatte mehr als zwei Stockwerke, und so landeten sie unverletzt, nachdem sie vor dem Sprung die Umgebung nach Wirten abgesucht und keine entdeckt hatten.
Lucie Ishii rollte sich elegant ab und folgte einem Wink des Archivars. Dieser sah auf dem kleinen Bildschirm seines Einsatzcomputers die wahrscheinlichsten Stellen für ein Nest. Oben kreiste der Helikopter und die Pilotin scannte mithilfe eines Infrarotradars kontinuierlich das gesamte Gelände. Mithilfe der rasch vom Bordcomputer ausgewerteten Daten lotste sie das Delta-Team zu zwei Orten, welche der mögliche Ursprung sein könnten. Der Archivar beschloss, dass sie sich aufteilen würden; um gemeinsam beide Orte nacheinander zu kontrollieren, wäre keine Zeit.

„Mendoza, Cortez: Sie gehen Richtung Osten. Erstatten Sie alle drei Minuten Bericht in Form einer kurzen Statusmeldung. Ishii, Griffel, Sie kommen mit mir“, wies er an. Die beiden setzten sich augenblicklich in Bewegung nach Süden, der Ingenieur und die Kampfexpertin folgten dem Archivar nach Norden. Sie kamen schnell, ohne Feindkontakt voran und durchquerten mühelos den dunklen, verlassenen Zoo.
Eine bedrohliche Stille lag über dem Tierpark, weder das Singen der Vögel, noch das Röhren der Hirsche oder das Schreien der Esel, welches sich sonst mit dem freudigen Kreischen der Kinder mischte, waren zu hören. Stattdessen vernahm der Archivar nur die leise knirschenden Schritte seiner Kollegen, seinen eigenen, kontrollierten Atem und das Geräusch des Helikopters über ihnen. Aus der Ferne trug der Wind den Kanon der Sirenen zu ihnen hinüber.
In seinem linken Ohr knackte es, als sich Mendoza das erste Mal meldete.

„Wir sind am Verwaltungsgebäude. Ziel abgesichert. Soweit alles ruhig, bisher noch kein Feinkontakt.“ Ishii übernahm auf einen Wink des Archivars die Kommunikation. „Wir sind östlich eines kleinen Teiches, neben uns leere Gehege und Volieren. Ebenfalls kein Feindkontakt.“ Es rauschte kurz, dann bestätigte Mendoza. „Verstanden. Wir gehen weiter nach Westen.“

Der von der Pilotin markierte Punkt auf der Karte des Archivars begann zu blinken, scheinbar war es in den letzten Minuten zu irgendeiner Aktivität gekommen. Der Archivar hielt seine Begleiter an und bedeutete mit einer kurzen Geste, ihm zu folgen.
Vor ihnen lag hinter einem niedrigen Zaun ein künstliches Schwimmbecken in dem noch ein toter Fisch trieb. „Brillenpinguine“, verriet eine Informationstafel. Der Archivar runzelte die Stirn. Hier sollte das Nest sein?
Er ging voraus am Zaun entlang, bis in zu der verschlossenen Tür, welche die Besucher vom Innenbereich des Geheges abgrenzte. Der Ingenieur hatte bereits sein Multitool in der Hand und brauchte keine zehn Sekunden, bis die Tür offen vor ihnen stand und ihnen den Zugang zu einem nach Fisch und Vogelexkrementen riechenden Gang gewährte. Die Wände waren, wie der Boden auch, in hellen, grünlichen Fliesen gehalten.
Ishii sendete nach einem kurzen Blick auf ihre Uhr eine neue kurze Statusmeldung an die anderen beiden Agenten.

„Wir nähern uns einem Hotspot, womöglich dem Nest. Vor wenigen Minuten gab es hier Aktivitäten“, flüsterte sie. Es rauschte und knackte, dann antwortete Cortez. „Verstanden. Hier alles ruhig. Kommen zu euch.“ „Wir gehen rein, Griffel hat die Tür geöffnet.“

Sie betraten den stickigen, in flackerndes Neonlicht getauchten Flur. Nah an der Wand schritten sie mit gezogenen Waffen du so leise es ging, ohne dass es sie dadurch signifikant verlangsamt wurden.
Als sie sich einer offenen Tür näherten, drang ein leises Kratzen an das Ohr des Archivars. Er stoppte die beiden anderen mit einer erhobenen Hand und deutete nach vorn.

Es klang wie das Schaben von Krallen über den Fliesen und nährte sich immer weiter aus dem dunklen Raum zu ihrer Rechten.
Dann schoss mit einem Mal wie ein Blitz eine schwarz-weiße Gestalt in den Flur, stoppte in der Mitte des Ganges vor ihnen und baute sich zu seiner vollen Größe von etwas über einem halben Meter auf.
Vor ihnen stand ein Brillenpinguin und taxierte sie misstrauisch. Die drei Agenten standen vollkommen reglos, doch der Vogel hatte sie bereits als Gefahr identifiziert.
Er riss den Schnabel auf, fauchte sie an und offenbarte das gezackte Innere seines so harmlos aussehenden Mundwerkzeuges.
Ishii fluchte leise und Griffel, welcher als letztes in den Gang gekommen war, lud mit einem lauten Klicken seine Waffe durch. Der Archivar spürte Nervosität in sich aufsteigen, doch hielt er den Blickkontakt zu dem Tier aufrecht. Er ließ seine Hand langsam in die Tasche gleiten und suchte nach einem der Betäubungspfeile, die Mendoza ihm überlassen hatte.
Als seine Finger gerade die Plastikumhüllung ertasten konnten, knackte es erneut in seinem Ohr.

„Wir sind am Eingang. Sollen wir dazustoßen?“, fragte Cortez leise. Ishii antwortete gedämpft und tonlos. „Wir haben Feindkontakt. Ein höchstwahrscheinlich befallener Pinguin.“

Während sie der draußen wartenden Verstärkung die Lage kurz schilderte, hatte der Archivar sein Wurfgeschoss gepackt, zog es langsam aus dem Rucksack und starrte den Vogel vor sich noch immer an. Dieser hatte den Kopf erneut schief gelegt, war jedoch angesichts der Bewegungslosigkeit der Eindringlinge unschlüssig. Er wackelte nervös mit den Flügeln und kratzte über die Fliesen.
Der Archivar ließ seinen Blick langsam über das ganze Tier gleiten. Waren da irgendwelche äußeren Anzeichen, die seinen Zustand erkennen ließen? Oberflächlich sah es normal aus, ohne schwere Wunden oder offensichtliche Auszehrungsspuren.
Doch etwas an dem Verhalten des Tieres war auffällig. Manchmal versuchte es, mit dem Schnabel seine Brust zu erreichen, als wenn dort etwas unter der Haut säße.
Cortez und Ishii wurden langsam nervös und auch die Unschlüssigkeit des Tieres löste sich auf. Blitzschnell handelte der Archivar, er zielte, warf und traf den Pinguin genau in der Mitte des Oberkörpers. Der Vogel kreischte protestierend auf, verrenkte sich, in dem verzweifelten Versuch, den Pfeil zu entfernen, und sank dann in sich zusammen.

„Mendoza! Kommen Sie, das hier ist Ihr Fachbereich!“, rief er die Biologin zu sich. Diese näherte sich mit schnellen Schritten, ging zielstrebig auf das Tier zu und kniete sich daneben zu Boden, ihr Werkzeug bereits in der Hand. Auf einen Wink des Archivars sicherten Griffel und Ishii den Raum, aus dem das Tier gekommen war.

„Leer“, verkündete Griffel. Der Archivar warf einen Blick auf seinen Bildschirm. Der Hotspot war noch immer genau vor ihnen, etwas weiter den Gang runter und in einem Raum am Ende des Flures. Er gab Mendoza drei Minuten, dann mussten sie weiter. Wenn es eines gab, was ihnen fehlte, dann war es Zeit.
Diese Plage war schnell genug gewesen, sich innerhalb eines Tages über ganz Deutschland und halb Europa auszubreiten. Was nun in den Sekunden, die sie zögerten, geschah, wollte er sich nicht ausmalen.
Die Biologin war dazu übergegangen, den Pinguin vor ihr auf dem Boden mit einem mobilen Röntgengerät zu durchleuchten. Sie hatte am Kopf begonnen und stieß, als sie den Brustbereich erreichte, ein Keuchen aus.

„Ich habe es gefunden!“, verkündete sie. „Es setzt sich in der Luftröhre seines Opfers fest, kurz vor dem Anfang der Lunge. Von da aus kann ich feine Auswucherungen in Richtung der Wirbelsäule erkennen, ich vermute, es verteilt sich dadurch und gelangt zum zentralen Nervensystem. Die Wirte sind nicht leicht zu retten, wenn wir überhaupt etwas tun können.“

„Und was sollen wir mit dem Nest da vorne tun?“,wollte Ishii wissen. „Wir nehmen dieses Exemplar zur Forschung mit und brennen das da vorne nieder“, beschloss Mendoza. „Aber vorher“, mischte sich Griffel ein, „Müssen wir die Überreste des Flugobjektes bergen.“

Wieder teilten sie sich auf. Mendoza und Cortez bargen das Tier und setzten einen Bericht an die Piloten des Hubschraubers ab, während der Archivar, begleitet von Ishii und Griffel direkt in das Nest vorstoßen sollten.
Das flackernde Licht der Neonröhren und das Rauschen der Lüftung in den Wänden tauchte den weißen, schmutzigen Gang in eine unwirkliche Stimmung. Schritt für Schritt, nah an der Wand entlang und die Waffen griffbereit, tasteten sich die drei vorwärts.
Sie waren keine vier Meter mehr von der, einen Spalt weit offen stehenden Tür entfernt, als der Archivar das erneute Kratzen von Krallen auf den Steinfliesen und das leise Fauchen der Pinguine hörte. Beide Laute drangen aus dem Raum, der auf seiner Karte als Hotspot markiert war und rot leuchtete.
Er atmete flacher unter seiner Schutzmaske und wies Ishii mit einem Nicken an, sich von der anderen Seite des Ganges auf den Raum zuzubewegen. Sie befolgte den Befehl, und so brachten sie in einer Dreiecksformation die letzten Meter hinter sich.

„Wir sind so weit. Mendoza untersucht es weiter. Ich stoße zu euch“, meldete sich Cortez.

„Und ich bringe ein kleines Spielzeug mit,“ fügte er mit leichter Vorfreude hinzu.
Sie warteten einen Augenblick, bis sie Cortez kräftige Schritte hinter sich hörten, dann gab der Archivar den Befehl zum Zugriff.
Ishii trat die Tür auf und vor ihnen breitete sich ein großes Innengeheges aus, welches von warmen Deckenlampen ausgeleuchtet wurde. Der Raum maß gute fünf Meter in der Breite und hatte eine vergleichbare Länge, ohne genau quadratisch zu sein. In der Mitte war das ehemals mit Wasser gefüllte Becken, am Rand waren künstliche Felsen und Höhlen. An der gegenüberliegende Seite war anstatt der Wand eine durchgehende Glasfront, hinter der sich tagsüber die Besucher sammeln konnten, um die Tiere hier drinnen in ihrem Gehege zu beobachten.
Nun war der Raum hinter der Glasscheibe im Dunkeln und so spiegelte sich die Szene genau dem Archivar gegenüber.
Das Becken war angefüllt mit den schwarz-weißen Leibern der Pinguine, die wie leblos dicht aufeinander lagen, wie miteinander verschmolzen. In der Luft hing ein Geruch nach Exkrementen, Fisch und Eisen.
Einzelne Vögel watschelten ungeschickt umher, verrenkten ihre Hälse und versuchten, an den Parasiten in ihrem Hals zu gelangen.
Die Masse in dem Becken hingegen hatte scheinbar aufgegeben, nur die Brust der Tiere hob und senkte sich noch langsam im Gleichtakt. Griffel deutete auf das Dach über dem Becken. Dort klaffte ein kleines Loch, wo am Vortag das Flugobjekt abgestürzt sein musste.
Der Archivar überschlug im Kopf den Winkel und deutete auf die Stelle, an der das Objekt gelandet sein musste. Es war beinahe in der Mitte des Beckens, dort, wo sich die lebendige Masse am höchsten auftürmte.
Wie ein einzelner Organismus atmete die Masse und je genauer der Archivar hinsah, desto klarer wurde es ihm. Die Tiere hatten sich alle um das abgestürzte Objekt gesammelt, waren dort zu Boden gesunken und schienen durch den Parasiten in ihrem Nervensystem miteinander verbunden zu sein. Das hier war kein Nest, das hier war das Gehirn dieser Plage.
Mendoza meldete sich über ihre Kommunikatoren.

„Was auch immer ihr tut, beeilt euch. Unser Vogel hier draußen scheint alarmiert zu sein. Er ist aufgewacht und versucht, in das Gebäude zu stürmen. Ich habe ihn erneut betäubt, dieses Mal bleibt der liegen. Aber auch die anderen Vögel kreisen über euch und ich glaube, es nähern sich auch andere Wirtstiere dem Zoo!“

Das Klicken von Griffels Waffe verriet sie. Mit einem einzigen Ruck und in unwirklicher Synchronität drehten sich alle Köpfe zu ihnen. Dutzende Schnäbel wurden aufgerissen, entblößten Widerhaken in den Innenseiten und stießen ein einstimmiges Fauchen hervor, das durch die Schädeldecken fuhr und die Ohren des Archivars klingen ließ. Ehe jemand anderes sich auch nur bewegt hatte, war Cortez bereit. Er sprang nach vorn und riss in einer einzigen, fließenden Bewegung seinen Rucksack nach vorn, schnallte ihn vor seiner Brust fest und offenbarte einen Flammenwerfer.

„Schießt mir den Weg frei!“, rief er den anderen Agenten zu und stürmte nach vorn, auf das Gehirn zu.
Der Archivar rief eine kurze Warnung und warf seine erste Granate, worauf sich alle Tiere synchron zu der Explosion am anderen Ende des Raumes drehten. Diese Sekunde der Ablenkung hatte es gebraucht, und Griffel, Ishii und der Archivar schossen aus vollen Rohren auf die befallenen Tiere. Die Masse agierte wie ein einziger Organismus, zuckte, wenn ein Tier zu Boden ging kurz und stürmte weiter wellenartig auf sie ein. Der Archivar warf eine weitere Granate, dieses Mal schlug sie nahe der höchsten Aufhäufung im Becken auf und ließ sie Tiere eine weitere Sekunde innehalten.
Ishii hatte ihr Katana gezogen und pflügte sich zu Cortez' Linken durch die schwarz-weißen Leiber, Griffel schoss mit einer Vollautomatischen durch die Reihen und der Archivar deckte ihnen den Rücken.
Sie hatten sich schon nah an das Zentrum herangekämpft, und die Tiere fielen nur wenige Zentimeter von ihnen entfernt zu Boden, verfehlten die Arme und Beine der Agenten nur um Haaresbreite. Selbst durch die dicken, robusten Stoffe ihrer Einsatzuniformen wären die spitzen Schnäbel gedrungen, das stand fest und wurde dem Archivar bestätigt, als Cortez leise fluchte und noch einmal auf einen am Boden liegenden Pinguin eintrat.

„Beeilt euch, die Dinger sind so gut wie da! Die Vögel gehen runter, sie scheinen eine Lücke im Dach gefunden zu haben!“, warnte Mendoza von draußen.
In diesem Moment hörte der Archivar das erste Kreischen von Raubvögeln über ihnen und in der Ferne drang durch die Sirenen das Heulen von Wölfen.
Wie ein Kugelhagel schossen die Vögel von oben auf sie hinab, so dass der Archivar und Griffel immer abwechselnd ihre Feuerkraft nach oben konzentrierten. Dennoch ließ es sich nun nicht mehr vermeiden, und die ersten Schnäbel hatten sich von allen Seiten zu ihnen durch gepickt. Der Archivar blutete an der Wange, seine Schulter brannte und er wusste, dass etwas sein Bein gestreift haben musste, auch wenn er keine Spur mehr davon spürte. Bei seinen Begleitern sah es eben so aus, Ishiis schwarzes Haar war stellenweise blutgetränkt und Griffels Hände waren von Schrammen und tiefen Kratzern überseht.
Wie ein schlagendes Herz lag die, ehemals aus Individuen, bestehende Masse vor ihnen. Sie hatten sich bis in die Mitte des Beckens vorgekämpft und waren umzingelt. Wenn Cortez Angriff nicht gelang, waren sie definitiv verloren.
Der Archivar ließ seine leere Waffe fallen, zog die nächste und warf zur Ablenkung die letzte Granate, doch der Effekt schien sich abzunutzen, dieses Mal gab es ihnen keine volle Sekunde mehr.
Das Zischen des Gases, welches aus dem selbstgebauten Flammenwerfer des Amerikaners drang, schenkte dem Archivar neuen Mut. Den selben Effekt schien dieses Geräusch auf seine Kollegin zu haben, denn Ishii schwang ihre Klinge mit noch größerem Schwung und schoss mit ihrer Pistole auf das pulsierende Zentrum genau vor ihnen.
Unter dem Schwarz und Weiß der Körper, die immer mehr von dunkelrotem Blut überströmt wurden, blitzte ein kupfern schimmerndes, metallenes Objekt hervor.
Ein Fauchen erfüllte ihre Ohren und die sengende Hitze des Flammenwerfers drang sogar an den davon abgeschirmt stehenden Archivar. Es zischte, brutzelte und roch nach verbranntem Fleisch.
Ein dissonantes, schmerzerfülltes Kreischen entwich allen noch intakten Kehlen zugleich und der Archivar glaubte, ihm müssten die Trommelfelle platzen.
Einige Tiere fielen kraftlos zu Boden, andere brannten. Wenige liefen ungelenkt und desorientiert durch den Raum, scheinbar schien ihr Plan zu funktionieren.
Die Formation drehte sich, Cortez' Flammenwerfer schnitt nun eine Schneise um sie in die noch immer angreifende, jedoch merklich ausgedünnte Masse. Der Archivar konnte einen Blick auf das Herz der Plage werfen. Unter verbranntem Fleisch lag ein ovales, kupfernes Objekt. Es war einen halben Meter hoch und einen Meter breit, wies keinerlei erkennbare Flügel oder Tragflächen auf lediglich eine Öffnung an der Unterseite, in die sich feine Fäden zurückzogen. Die Enden der Fäden, bei welchen es sich wohl um die Nervenstränge dieses Parasiten handelte, waren an ihren Enden verbrannt und zuckten voll Schmerzen hin und her.

„Egal, was ihr macht – macht weiter!“, feuerte Mendoza sie von draußen an. „Es funktioniert! Einige Tiere sind wieder verschwunden und die angreifenden sind langsamer geworden. Ihr schwächt es!“

Cortez jubelte und verbannte eine weitere Angreiferwelle, jedoch konzentrierte er sich nicht auf das Hauptziel. Dies wurde ihm zum Verhängnis, denn ein großer Waldkauz stürzte direkt auf ihn hinab und traf ihn am Hinterkopf. Cortez sank in sich zusammen, und nur Ishiis sofortiges Handeln hielt die Angreifer von ihm fern. Sie stellte sich über ihn und wehrte mit Katana und Schusswaffe weiter ab, was sie konnte. Griffel deckte nun wieder verstärkt gegen den Angriff von oben, und so war es am Archivar, das Hirn auszuschalten. Er griff nach den Schnallen des Flammenwerfer-Rucksacks, öffnete sie mit einer Hand und hievte das schwere Gerüst hoch. Die Flamme war erloschen, da Cortez durch seine Ohnmacht nicht weiter den Gashahn offen gehalten hatte.
Wieder zischte und fauchte es, als der Archivar den Flammenwerfer erneut in Betrieb nahm, und eine weitere Klinge aus Flammen stob hervor. Die Hitze brannte in den ungeschützten Augen des Archivars und er blinzelte die Tränen weg. Er hielt die Flamme näher an das Metallgehäuse und wieder schwoll das vielstimmige Kreischen der befallenen Tiere um sie an. Die Wirtstiere konzentrierten ihren Angriff ein letztes Mal, doch der Archivar fokussierte sich voll und ganz auf die Nervenstränge in ihrem Panzer vor ihm.
Das Metall war äußerst hitzeresistent, es begann nicht einmal zu glühen, als der Archivar die Flamme immer näher an die Öffnung brachte. Die Schmerzenslaute schwollen zu ungeahnter Lautstärke an und der Archivar war wie betäubt. Die Szene fühlte sich durch die Hitze, die schmerzenden Todesschreie in seinen Ohren und das unaufhörliche Knallen der Schüsse zu real an, um echt zu sein. Jeder seiner Sinne war überreizt, doch er hörte nicht auf. Er brannte alles nieder, was sich noch in diesem Metallpanzer befand. Wie mit einem Schlag verschwanden alle Geräusche, es war totenstill.
Kein Tier schrie mehr, keine Krallen kratzten über den Boden. Die Tiere waren wie eingefroren, bewegten sich keinen Millimeter, als wären ihre Muskeln mit einem Schlag zu Eisen geworden. Ishii und Griffel waren noch immer in Hab-Acht-Stellung, die Waffen bereit für den nächsten Angriff – doch dieser kam nicht.
Der Archivar ließ den Flammenwerfer fallen und atmete mit brennenden Lungen tief durch. Der Schweiß rann ihm Gesicht und Rücken hinab, er war ebenso ausgebrannt wie das Ding vor ihm.

„Was – was passiert da drin?“, fragte Mendoza atemlos. „Lebt ihr noch?“ „Ich glaube, wir haben es geschafft“, berichtete Ishii zögernd. Sie sah zu erst zu Griffel, dann zum Archivar hinüber. Dieser nickte mit Schweißperlen auf der Stirn und schwer atmend. Sie hatten es wirklich geschafft.
Die parasitären Nervenstränge in den Organismen der Wirte waren ohne Steuerung nicht lebensfähig. Das hieß, dass alle Angriffe gestoppt waren - was es für das weitere Leben der Wirte bedeutete, hieß es nun herauszufinden.
Nun ließ Ishii erleichtert ihre Waffe sinken und atmete tief durch. Griffel tat es ihr gleich.

„Lasst uns hier verschwinden, ich brauche frische Luft! Das UFO können wir auch später holen“, forderte er die andern auf. Der Archivar und Griffel hoben Cortez an, während Ishii den Rucksack des Waffenbastlers hoch hob und schulterte. Noch immer standen die Tiere wie versteinert um sie.
Im schwachen, warmen Kunstlicht des Raumes, in dem noch immer leichter Rauch lag, und unterlegt durch die Sirenen der Ferne und das Rattern des Helikopters über ihnen hatte die Szene etwas alptraumhaftes, doch den Archivar durchdrang die leichte Euphorie des Sieges. Sie hatten es gestoppt. Noch hielt er sich im Zaum, drängte die womöglich verfrühte Erleichterung zurück und bemühte sich, kein Tier zu berühren. Wie durch ein Wachskabinett trugen sie den muskulösen Mann, hinaus auf den Flur, der noch immer in flackerndes Neonlicht getaucht war.

Der laute Knall einer Explosion riss die Gruppe auseinander. Die Decke des Flures stürzte wie in Zeitlupe auf sie herab, und der Archivar konnte gerade noch zurück stolpern, ehe er von einem Betonbrocken getroffen wurde. Dabei ließ er Cortez los, doch was aus ihm und Griffel wurde, entzog sich aufgrund des Betons und Stahls sowie der dichten Staubwolke zwischen ihnen seiner Kenntnis.
Er und Ishii waren abgeschnitten von den anderen und auch vom Ausgang.
Ishii fuhr herum und stieß einen frustrierten Schrei aus.

„Wir sind eingesperrt! Scheiße, wir sind verschüttet!“Da konnte der Archivar nun, da sich der Staub langsam legte, auch erkennen. Aber warum? Wieso war plötzlich der Gang eingestürzt? Zu ihrem Glück war dieser Hohlraum frei geblieben, so hatten sie genug Luft zum Atmen und waren beide unverletzt.
Ishii schien dies nicht zu beruhigen. Sie atmete schnell und flach, ihre Augen waren panisch geweitet.

„Wir müssen hier raus! Wir werden ersticken!“, flüsterte sie voll Angst in der Stimme.
Er forderte sie mit beruhigender Stimme dazu auf, sich zu beruhigen. Er hielt ihre Schultern, sah ihr tief in die Augen und atmete demonstrativ in den Bauch. Sie ließ sich von ihm auf einen Betonbrocken setzen und klammerte sich, noch immer nah am Hyperventilieren, an ihren eigenen Armen fest. Ihre Atemschutzmaske hatte sie sich, wohl aus Panik, zu ersticken, heruntergerissen.
Dass ausgerechnet sie unter Klaustrophobie litt, hätte er nicht gedacht.

„Die, die holen uns hier raus, ja?“, fragte sie panisch.
Er nickte. Sie brauchte sich keine Sorgen zu machen, Griffel und Mendoza waren direkt dort draußen.
Ishii bemühte sich, ruhig zu bleiben, das sah der Archivar. In ihren großen, dunkelbraunen Augen sammelten sich Tränen, doch sie hatte die Fäuste geballt und atmete wieder tief in den Bauch. Der Archivar setzte sich neben ihr auf den Boden. Der Kommunikator in seinem Ohr war eindeutig gestört, er hörte nur leises Rauschen. Entweder war er kaputt oder die Übertragung war durch die Explosion gestört.
Es war eng und stickig und der Geruch nach dem Schweiß der beiden Agenten lag im Raum. Der Archivar spürte den Herzschlag der Agentin neben sich und hörte ihren leisen, kontrolliert ruhigen Atem. Sanft streifte sein Arm den ihren, als er seinen Rücken durchstreckte, und sich aufrechter hinsetzte. Sie zuckte leicht zusammen und sah zu ihm hinüber, biss sich auf die volle Unterlippe und eine leichte Röte stieg auf ihre olivfarbene Haut.
Die Spannung, die im Raum hing, wurde augenblicklich umgeworfen, als eine erneute Explosion den Boden erschütterte. Die Schuttwände wackelten, Ishii schrie vor Schreck auf und der Archivar fuhr zusammen. Doch ihr Hohlraum blieb bestehen.

„Hallo? Seid ihr da drin?“, fragte eine gedämpfte Frauenstimme hinter dem Beton. „Griffel? Mendoza? Gott sei Dank!“, stieß der Archivar hervor. „Was ist passiert? Woher kamen die Explosionen?“„Viel wichtiger – könnt ihr uns rausholen?“, unterbrach Ishii ihn.
Zur Antwort ruckelte einer der Brocken, und kaum waren der Archivar und seine Mitgefangene zur Seite gesprungen, rollte er aus dem Geröllhaufen und machte eine kleine Lücke frei. Der Archivar ließ der Agentin den Vortritt, wofür sie ihm mit einem erleichterten und dankbaren Blick zunickte. Als er wieder auf dem Flur stand und sich zu voller Größe aufrichten konnte, atmete auch er erleichtert durch, nahm die Maske ab und sah dann zu den restlichen Mitgliedern des Delta-Teams.

„Also, was ist passiert?“, wollte er wissen.
Cortez, der sein Bewusstsein mittlerweile wieder erlangt hatte, saß an die Wand gelehnt und sah ungesund blass aus. Von seiner Stirn lief eine dünne Blutspur. Mendoza und Griffel hatten den Stein beiseite geräumt und stützten sich angestrengt atmend an der Wand ab.
Griffel ergriff das Wort.

„Das war das Alpha-Team. Wir haben zu lange gebraucht, und so haben sie eine Bombe geworfen. Zum Glück keinen atomaren Sprengsatz, aber der Zoo ist verwüstet. Wir hatten mehr als nur Glück, dass uns nichts passiert ist. Aber leider ist durch die Druckwelle die Technik ausgefallen, und unser Heli wurde auch abgezogen.“

„Wir können sie draußen auf uns aufmerksam machen. Sie haben schließlich immer noch das Infrarotradar. Vielleicht suchen sie ja schon nach uns“, schlug Mendoza vor.
Niemand des Delta-Teams bedauerte es, diesen Flur zu verlassen.
Draußen war es mittlerweile dunkel geworden, kein Stern war durch die graue Rauchschicht am Himmel zu sehen. Dennoch umfing sie eine angenehm stille Nacht, abgesehen von den immer leiser werdenden Sirenen und dem entfernten Heulen von Motoren.
Ishii legte den Kopf in den Nacken, atmete tief durch und genoss sichtlich die Kühle der Nacht auf ihrer Haut, Cortez lehnte sich mit dem Rücken gegen die Mauer des Gebäudes uns ließ sich zu Boden sinken. Er hatte vermutlich eine Gehirnerschütterung erlitten. Griffel warf frustriert seinen Kommunikator beiseite.

„Hinüber! Einfach geschrottet“, fluchte er, nachdem er scheinbar noch einen letzten Versuch der Kontaktaufnahme unternommen hatte.
Alle fünf blickten auf, als sich ein Motorengeräusch näherte.„Wir müssen sie jetzt auf uns aufmerksam machen. Sie wissen nicht, dass wir hier im Tierpark sind“, forderte Mendoza auf. In Griffels Augen blitzte es. „Ich habe da eine Idee“, verkündete er, begann, an Cortez' Rucksack zu kramen und zu reißen und drehte sich dann zu den anderen. „Ich brauche etwas schweres, etwas, das ich wegschleudern kann!“, forderte er. „Nehmt doch 'nen Pinguin“, schlug Cortez' sarkastisch und mit schwacher Stimme vor.
In Mendozas Augen blitzten die Lebensfreude und der Schabernack über die abgewandten Apokalypse.

„Hier hast du einen“, sagte sie und drückte dem Ingenieur den betäubten Vogel in die Arme.
Der Archivar staunte seinen Augen kaum, als Griffel den Vogel entgegennahm, in die undurchsichtige Konstruktion aus Seilen, Bändern, dem Flammenwerfer und einem Maschinengewehr spannte und schließlich die Munition einer Leuchtrakete an dem Vogel befestigte.

„Tust du, was ich denke, dass du es tust?“, fragte der Archivar skeptisch. „Ganz genau das!“, rief der Ingenieur, als er den Abzug betätigte und das improvisierte Projektil aus einem flugunfähigen Vogel und einigen daran befestigten Leuchtraketen in die Luft beförderte.

„Das ist unser Feuerwerk!“

Der Archivar legte den Kopf in den Nacken und genoss den kühlen Nachtwind auf der Haut. Über ihm stoben rote Funken auseinander und unter das Zischen und Knallen des Feuerwerks mischte sich das Rattern eines Helikoptermotors. Kurz schloss der Archivar die Augen, dann blickte er auf die Uhr. Es war zwölf Minuten vor Mitternacht. Die Apokalypse hatte nicht einmal 48 Stunden gedauert.
Über die Erkenntnis, dass alles vorbei; dass alle gerettet waren, rückte der Sinn des Archivars ein Stück weit wieder auf die Realität zurück. Es war Mittwoch, der 26. Juli.
'Happy Birthday to me', dachte er und genoss die letzten Explosionen ihres Triumphfeuerwerkes.

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