Himys Sandbox
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"140,weißt du eigentlich, wie sie dich nennen, in der Anlage?"

Victor sah auf. Einmal mehr versuchte Emilia offenbar, ein Gespräch mit einer Gemeinheit zu beginnen. Mehr oder weniger ihre gesamte Konversation bestand aus Gemeinheiten, es sei denn sie sprachen in Gegenwart von Ausbildern und Dozenten in Standort 17 miteinander. Zum Glück überschnitten sich ihre Kurse eher selten, Victor sollte Feldagent werden, Emilia dagegen zeigte den überbordenden Ehrgeiz alles zu leisten, um einer MTF-Einheit zugeteilt zu werden. Ein Punkt, den Victor nicht verstehen konnte. Wer wollte sich schließlich schon freiwillig den Arsch von Gottweißwas aufreißen lassen? Das konnte zwar jedem Agenten genauso passieren- aber wer zu den Einheiten wollte,legte es ja geradezu darauf an.

"Ich weiß es, kleine Zimizo.", sagte er freundlich lächelnd. Emilia war nur einen Moment verwirrt.

"Ist das was von diesem idiotischen Japanoscheiß, den du in deinem Luxuszimmer hast?"

"Nein, ganz treudeutsch. Zimizo ist einfach nur die Abkürzung für Zicke-mit-Zopf. Und das Luxuszimmer ist eine Eindämmungszelle. Stell dir vor, ich kenn nicht mal meine Nachbarn. Und woher weißt du überhaupt von meinen Animes und meinen J-RPGs? Spionierst du mich etwa aus?"

Bei der Anspielung auf den dicken Flechtzopf, der ihr über die linke Schulter hing, hatte sie unwillkürlich danach gegriffen. Als sie es bemerkte, ließ sie ihn los und ihre Augen blitzten angriffslustig.

"Sehr kreativ, Wurmauge. Nein, ich spioniere nicht. Wir müssen wissen, was ihr Freaks so macht. Damit wir euch in den Allerwertesten treten können, wenn ihr freakiges Freakzeug treibt. Meiner Meinung nach solltest du gar nicht aus deinem Apartment raus dürfen. Wer kann sich denn sicher sein, dass nicht doch mal die Würmer aus deinen Augen kriechen und uns alle verseuchen?" , fauchte sie.
Victor seufzte und blickte durch das Fenster des ICE, der sie zügig Richtung Norden beförderte. Es war keine lange Fahrt, doch mit Emilia im Schlepptau würde sie sich ziehen wie warmer Karamell. Karamell mit dem Geschmack von Hundescheiße. Er überlegte einen Moment, aufzustehen und irgendetwas im Zug zu treiben. Freakiges Freakzeug vielleicht. Stattdessen antwortete er:

"Trotzdem sind wir hier. Außerdem hab ich mir das nicht ausgesucht. Du bist freiwillig bei der Truppe. Ich hätte natürlich tatsächlich weiterhin neunundneunzig Prozent meiner Zeit in der Zelle verbringen können. So komm ich mal raus. Aber damit du beruhigt bist, Spaß hab ich keinen. Keine Ahnung warum."
Die junge Frau schnaubte und rümpfte ihre kleine Nase. Victor fragte sich einmal mehr, wie es nur zugehen konnte, dass eine eigentlich recht attraktive Frau derartig negative Emotionen mit sich herumtrug und so leidenschaftlich kommunizierte. Ihr war anzusehen, dass sie damit noch lange nicht fertig war.

"Schau dich mal an. So ziemlich alle sagen, dass du nur raus darfst, weil dein Daddy sich so für dich einsetzt. Fragt sich nur, wieso…"

Victor zuckte die Achseln. Er wusste nur zu genau, dass viele Personen im Standort, allen voran Dr. Senger, unzufrieden damit waren, dass er sich frei bewegen und sogar am Agententraining teilnehmen durfte. Aber dass es schon soweit gekommen war, dass man seinem Mentor unlautere Absichten unterstellte, verblüffte ihn. Nein, das war nicht genug. Es ekelte ihn an.

"Was du da andeutest, ist sogar unter deiner Würde. Du leidest ganz klar unter SCPismus. Wie rückständig. Die Welt ist bunt, heutzutage. Und überhaupt: Denkst du, keiner merkt wie deine Ausbilder dich anschauen? Und du sie? Speaking of daddy-issues."

Emilia wurde mit einem Mal aschfahl im Gesicht, ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Sogar die Wangenknochen traten schärfer hervor. Treffer, Schiff versenkt, dachte Victor. Offenbar hatte er da einen wunden Punkt getroffen. Gut zu wissen, er würde es sich für später merken. Sie beugte sich plötzlich ruckartig vor, genau wie er reflexartig zurückwich.

"Sag sowas nochmal und ich trete dir die zwei Glasbausteine im Plastikrahmen, die du Brille nennst, in deinen Schädel hinein."

Victor beschloss, es sei an der Zeit für diplomatischeres Vorgehen. Wenn sie sich noch weiter aufstachelten, würden sie ihre Aufgabe vielleicht nicht zu einem zufriedenstellenden Ende bringen können. Er machte eine Geste von der er hoffte, dass sie gleichzeitig beschwichtigend und cool wirken würde. Dann griff er nach seinem Laptop. Minuten vergingen, in denen er abwechselnd konzentriert auf den Bildschirm starrte und die grünen Flächen betrachtete, die vor den Fenstern vorbeizogen. Die Beschäftigung mit der Mission an sich brachte ihm keine neuen Gedanken, also begann er mit einer Recherche zu allem, was er über das Haus, seine Vergangenheit und die früheren Bewohner im Netz finden konnte. Was wichtig erschien, überflog er kurz und erstellte Kopien auf dem Rechner. Gerade in die Betrachtung der geographischen Gegebenheiten vertieft, meldete sich Emilia wieder zu Wort und sie klang deutlich ruhiger als zuvor. Meinte sie, sie wäre zu weit gegangen? Das wäre allerdings etwas Neues, dachte Victor.

"Was machst du?"

"Ich hab das Briefing dekodiert und nochmal durchgeschaut. Ein bisschen rumgegoogelt.", gab er sich betont gelassen.

"Schon wieder? Irgendwas Neues?", fragte sie, diesmal ohne Zusätze wie Streber, Schlaumeier oder gar Wurmauge. Er klappte den Rechner zu.

"Ein paar historische Sachen. Aber vielmehr stell ich mir einige grundsätzliche Fragen. Wieso haben wir nur sowenig Informationen bekommen? Ich hab grad zehnmal soviel in fünf Minuten zusammengestellt. Ich schätze, wir sollen das selber machen. Dann, warum wir beide? Es ist bekannt, dass wir harmonieren wie Senf und Nutella. Warum kein Supervisor? Warum sowenig Ausrüstung? Warum eine dermaßen blöde Tarngeschichte? Antwort: Das ist ein Test. Zum selbstständigen Handeln und zur Zusammenarbeit unter… sagen wir mal erschwerten Umständen."

"Das denk ich auch. Aber dass wir das zusammen durchziehen sollen, kann auch andere Gründe haben. Wir haben in den letzten beiden Jahren die besten Leistungen erzielt. Bei den Antimemetik-Übungen haben wir die Älteren überholt. Ich hatte die besten sportlichen und waffentechnischen Ergebnisse und du… ich sags nur ungern, aber deine Leistungen bei den Intelligenz- und Improvisationstests sind… scheiße, du weißt selber, dass du ein Besserwisser bist."

Victor war überrascht. Sie waren insgesamt sieben Kandidaten zur Agenten- und MTF-Ausbildung und niemand erfuhr je irgendwelche Prüfungsergebnisse. Oder vielleicht nur er nicht?

"Woher zum Geier weißt du das?", platzte er heraus.

"Dr. Senger hats mir gesagt. Frag nicht, ich weiß nicht, warum. Und freu dich nicht zu sehr. Ich dachte er spuckt gleich auf den Boden, als er dich erwähnt hat."

Senger war ein Arschloch und Victor hätte seiner Ansicht gerne Luft gemacht, aber es bestand die Möglichkeit, oder eher die hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie in irgendeiner Form abgehört wurden. Was sie sich vorhin an den Kopf geworfen hatten, war schlimm, aber Senger zu beleidigen, war dumm.

"Na, sehr schön. Die Elite auf dem Weg zur Beförderung. Also, ziehen wir das durch? Ohne Brille aus dem Gesicht treten? Von mir aus kannst du Nutella sein."

Obwohl sie es wahrscheinlich nicht wollte, musste Emilia lächeln und der Effekt war verblüffend.

Zwei Dinge trafen Victor, als sie in München den ICE verließen, eines erwartet, eines unerwartet. Von der vollen Wucht des unglaublich heißen Sommers sogar in der Halle getroffen zu werden, das war klar gewesen. Victor überlegte, ob man nicht bei der Standortleitung eine Eingabe zur Eindämmung von ein paar anomalen Graden machen sollte. Was ihn überraschte, war eine heftige Aufwallung von Heimweh, einem Gefühl, das er nur vom Hörensagen kannte. Dabei handelte es sich nur um den Hauptbahnhof, laut, schmuddelig, die Eingänge von morgens bis abends vollgepfropft mit Alkoholikern. Ständiger Mief von Fast Food und häufige Gelegenheiten, mit einem Polizeischäferhund Bekanntschaft zu schließen. Und trotzdem…

"Glotz nicht so. Wo ist die Autovermietung?"

Wenn man der Foundation etwas zugestehen musste, dann Gründlichkeit und bis zu einem gewissen Grad sogar Großzügigkeit, fand Victor. Für sie stand ein nachtschwarzer, mit allen Schikanen ausgestatteter BMW-Kombi bereit, sogar das Fahrziel war bereits einprogrammiert. Victor überlegte, ob es sich möglicherweise um einen Wagen ausschließlich für Foundationmitarbeiter handeln könnte und erging sich ein wenig in Fantasien à la "Danke, Q, den Rest finde ich selbst heraus!".

"Ich fahre, du ziehst ein Hemd an. Das Shirt geht gar nicht.", stellte Emilia fest.

Er sah an sich herab. Ezio Auditore blickte unter der Kapuze starr nach vorne und schien sich in diesen Konflikt nicht einmischen zu wollen.

"Wir sind hier gleichberechtigt, meine Liebe. Und wieso fährst du? Ich dachte, du kannst nur Panzer fahren?"

Sie blickte ihn mitleidig an.

"Ich erspare es mir, dir moderne Gleichberechtigung zu erklären. Wenn ich deine Geisterjägerkollegin spielen soll, dann solltest du wenigstens halbwegs seriös aussehen."

"Meine Freundin und Geisterjägerkollegin, wenn ich das richtig gelesen habe. Aber wenn du mir schon vorschreibst, was ich anziehen muss- Respekt, du gehst echt in deiner Rolle auf!", erwiderte er verschnupft.

"Übertreibs nicht. Los jetzt."

Emilia schien tatsächlich eine gute Fahrerin zu sein, sie fädelte sich problemlos in den Stadtverkehr ein, wechselte elegant die Spur wenn es notwendig war, fluchte und beschimpfte die anderen Verkehrsteilnehmer nur selten. Victor betrachtete das rege Treiben des urbanen Lebens, das ihm in fünf Jahren als Anomalie im Inneren eines Berges fremd geworden war. Dort war mehr oder weniger jeder Tag gleich, Veränderungen waren selten, dafür äußerst drastisch, die Stadt dagegen war immer im Fluß. Neue Gebäude, neue Geschäfte, neue Styles, neue Trends. Und viel, viel mehr Kaffee und Yoga. Langsam veränderte sich das Bild, der Verkehr wurde ruhiger, Citygebäude wurden zu Altstadthäusern, diese wiederum zu kastenartigen, gleichförmigen Wohnkomplexen, an die sich erste Einfamilienhäuser anschlossen. Bald, nachdem sie die Stadtgrenze hinter sich gelassen hatten, begannen sich Felder und dichte Nadelwälder miteinander abzuwechseln. Oh weh, oh weh, dort wohnt das SCP, dachte er unsinnigerweise.

"Also, was haben wir? Ausrüstung zuerst. Hol die Tasche vom Rücksitz.", verlangte Emilia.

"Brauch ich nicht. Und gewöhn dir den KZ-Erna Tonfall ab. Zunächst das Geisterjägerequipment, eher zur Tarnung, aber wer weiß? Das wären zwei Digitalkameras, ein EMF-Meter, ein Aufzeichnungsgerät für EVPs, eine Ghost-box. Dann der Foundationkram. Ein Nachtsichtgerät mit Infrarot und Esosicht und einem feature, das sich Pheromonsicht nennt. Muss was Neues sein. Stell ich mir spaßig im Saunaclub vor. Ein tragbares Hume-Meter. Deine Waffe. Und das Udjatauge."

"Was bitte?"

Nun griff Viktor doch nach hinten, zog einen Reißverschluss an der Tasche auf und suchte darin herum. Kurz darauf baumelte ein Anhänger in der Form eines stilisierten Auges an Victors Zeigefinger. Emilia warf von der Seite einen Blick auf das Amulett.

"Ein Horusauge. Muss sich bei dir eigentlich immer alles um Augen drehen? Ist von Dr. Himmeroth, nehme ich an? Ist es anomal?"

Viktor hängte das Schmuckstück kurzerhand an den Rückspiegel.

"Weiß ich nicht. Aber was sollten wir denn sonst damit? Wenns nichts vollbringt, hau weg das Ding."

"Das ist wirklich nicht gerade viel. Dabei hat die Foundation doch beinahe unendliche Ressourcen…", sinnierte Emilia.

"Na klar, und das hat einen einfachen Grund: Der Keter-Esel ist alle 13,4 Stunden mit 1,7 Kilogramm Karotten zu füttern. Ausgeschiedene Goldstücke sind von konventionellen Exkrementen zu befreien und umgehend der Standortdirektion…"

"Halt mal deinen dummen Rand. Wir sind da."

Der BMW parkte mit laufendem Motor vor einem etwa drei Meter hohen geschmiedeten Flügeltor. Die Stäbe waren kunstvoll in sich verdreht, angedeutete Blüten gaben der Konstruktion ein organisches Aussehen. Dahinter endete die Asphaltstraße und ging in einen Weg über, der mit Kies aufgeschüttet war. Die kleinen Steine mochten irgendwann einmal weiß gewesen sein, präsentieren sich jetzt aber in einem pastosen Grau, durchsetzt von dünnen Zweigen und Blättern. Linkerhand drängte ein Wald an das Grundstück, knorrige Eichen warfen unregelmäßige Schatten. Malerisch, fand Viktor. Etwa vierzig Meter entfernt stand die alte Künstlervilla, jetzt ein bed and breakfast und angebliches Spukhaus. Von hier aus konnte er nur einen Turm erkennen, der Rest des Gebäudes war durch eine bröckelnde Mauer verdeckt, die das Gelände umgab.

"Wie wärs? Würde der Herr bitte aufmachen? Oder warten wir bis jemand kommt?", fragte Emilia zuckersüß.

Viktor schnappte sich das Udjat, hängte es sich um den Hals und stieg aus. Nachdem er den Sperrhaken gelöst und die Flügel aufgedrückt hatte, fuhr Emilia zum Haus, selbstverständlich ohne ihn vorher einsteigen zu lassen. Er versperrte das Tor und nutzte dann die Gelegenheit, die Villa als Ganzes zu betrachten. Das war also Neugotik. Nicht ganz so gotisch, wie er es sich vorgestellt hatte. Der Architekt schien sich an der grundsätzlichen Form einer Kirche orientiert zu haben. Das Pendant zum Glockenturm war nicht annähernd so hoch, dafür aber gedrungener und breiter, um Wohnräume zu schaffen. Angelehnt daran befand sich der Hauptbau, den ein weiteres, kleineres Ziertürmchen krönte. Die seitliche Wand schloss mit einem treppenförmigen Giebel ab, ein hölzerner Balkon im ersten Stock umlief mindestens zwei Seiten des Hauses. Die Fenster im Erdgeschoss waren rechteckig und wegen der Hitze mit festen, in sattem braun gestrichenen Läden verschlossen, diejenigen in den oberen Etagen dagegen waren bogenförmig. Dazu kamen im Turm noch zwei Erker, die nach unten hin in geschwungenen Formen mit der Wand verschmolzen. Das Dach war mit verwitterten Schieferplatten gedeckt. Es wirkte stimmig zusammengewürfelt, eine andere Beschreibung fiel Viktor nicht ein.

Emilia hatte hinter der Villa neben einem in die Jahre gekommenen Saab geparkt und bereits ihre Sporttaschen aus dem Kofferraum auf dem staubigen Boden abgeladen. Viktor kümmerte sich um den von innen versteiften und deutlich schwereren Ausrüstungstornister. Dann begutachteten sie gemeinsam die Rückseite des Hauses. Neben einem großen Wintergarten mit milchiger Verglasung, die derart viele angewinkelte Scheiben aufwies, dass sie beinahe kristallin wirkte, fiel vor allem eines ins Auge:

"Was ist das?"

"Da sollte ein Pool gebaut werden, oder eine richtig große Klärgrube.", stellte Viktor fest.

"Schon klar, aber warum arbeitet niemand daran?"

Viktor wusste genau, warum, aber er sagte:

"Mal überlegen, wir haben Poltergeistaktivität, wir haben einen Pool… die Sache ist klar."

Sie sah ihn fragend an, sie hatte offensichtlich nicht die leiseste Ahnung, wovon er sprach.

"Ist wahrscheinlich zu einfach zu heiß.", sagte er deswegen. Nicht jeder mochte Horrorfilme.

Aber ihm war in diesem Moment noch etwas aufgefallen. Er zeigte darauf. Emilia nickte. Auf der anderen Seite der Grube hing von einem Pfosten schlaff ein Rest Polizeiabsperrband herab.
An der uralten, aus Eichenbohlen zusammengesetzen Eingangstür fehlte eine Klingel, stattdessen verwies eine Messingtafel auf den gusseiseren Türklopfer, der für ein dumpfes, hohles Geräusch im Inneren sorgte. Als geöffnet wurde, sahen sie sich einer freundlich wirkenden Frau gegenüber, die sechzig, aber auch siebzig Jahre alt sein konnte. Sie war altmodisch, aber elegant gekleidet; was nicht ins Bild passte, war eine Küchenschürze mit Rüschenbesatz und ein rotkariertes Küchentuch, mit dem sie sich die Hände trocknete.

"Oh, hallo. Sie haben hergefunden, wie schön. Sie sind von dem… sie wissen schon?"

"Vom Institut, ja. Sie hatten sich bei uns gemeldet?", antwortete Emilia.

"Ja, richtig. Aber zwei so nette junge Leute… und dann sowas Düsteres, ich hatte erwartet…"

"Einen kauzigen Professor? Den erwarten die meisten Leute. Wir sind tatsächlich noch Studenten, wir fühlen ja auch erst einmal vor. Sollten sich ihre Angaben bestätigen, tauchen auch die älteren Semester auf. Aber wir sind durchaus kompetent, versprochen.", versicherte Viktor höflich.

"Natürlich, natürlich, entschuldigen Sie, ich bin so durcheinander. Ich bin Maria Stettner. Kommen Sie doch bitte herein!"

Über eine Diele gelangten sie in Art Foyer, gehalten in dunklem Holz. Es roch ein wenig muffig, Viktor fühlte sich an alte Kirchen erinnert. Ein mit Bauernmalereien reich verzierter Kamin beherrschte den Raum, die abgehenden Türen waren ebenso geschmückt. Drei mit dunkelblauem Samt bezogene Sessel waren um einen niedrigen runden Tisch gruppiert, eine Treppe, deren Handlauf fast schwarz vom Alter war, führte in einem halben Schwung nach oben in den Turm.

"Und wir haben einen Gewinner.", murmelte Viktor in Emilias Richtung.

"Ich hole nur kurz das Gästebuch, dann können wir uns über die… Angelegenheit unterhalten. Nehmen Sie doch bitte Platz. Ich bringe auch eine Erfrischung mit.", sagte die Frau und wuselte davon, Emilia und Viktor setzten sich.

"Was meintest du gerade?", wollte sie wissen.

"Ich seh mir gerade zum dritten Mal an, wie eine Frau sich den Hals bricht."

Viktor nickte in Richtung Treppe. Emilia sah hin und er hätte fast erwartet, sie würde behaupten, dort sei gar nichts. Aber schließlich war sie im Bilde, was ihn betraf.

"Wie sieht sie aus? Unfall?"

Er schüttelte langsam den Kopf und zwang sich von der Treppe wegzusehen.

"Ich sehe nur Morde. Der Kleidung nach würde ich sagen, sie ist in den Siebzigern gestorben. Der Stoß kam überraschend und schnell. Keine Chance. Ich kann sie nur noch teilweise sehen, wenn sie den Boden erreicht. Daraus schließe ich, dass der Boden zu dem Zeitpunkt noch nicht da war. Oder er ist später irgendwann erhöht worden."

"Ist das schon unser Poltergeist? Das wäre allerdings sehr merkwürdig."

"Das, was ich sehe sind nur Bilder. Das schließt nicht aus, dass es mit dem Spuk zusammenhängt. Aber, wie gesagt, Siebziger. Warum über 40 Jahre mit dem Kettengerassel warten?"

Emilia musterte ihn eindringlich.

"Beim Briefing hab ich gedacht, du würdest dir in die Hosen machen, wenn sowas passiert. Es wird immer gesagt, du seist labil und kämst nicht klar mit… deinen Würmern.", sagte sie und Viktor seufzte.

"Es sind keine Würmer, spielt aber keine Rolle. Ja, ich hatte anfangs ziemlich heftig dran zu knabbern. Richtig brutales Zeug geht mir immer noch an die Nieren, aber ich komm klar. Da kommt die Stettner wieder."

Die Frau stellte ein Tablett mit drei Gläsern Eistee auf den Tisch und zog ein in Leder gebundenes Buch unter dem Arm hervor. Dann nahm auch sie Platz.

"Wenn Sie sich… ach, ich bin mal so frech- darf ich das Du anbieten? Ich duze normalerweise alle meine Gäste, weil ich dieses kleine Hotelchen quasi familiär führen möchte…", begann sie.

"Von mir aus gerne, was meinst du, Emma? Also, das ist meine Freundin Emma, ich bin Vincent."

"Ach, das ist aber schön! Freut mich wirklich sehr!"

Sie zog das Wort "sehr" ziemlich in die Länge. Emilia hatte sich meisterhaft unter Kontrolle. Wenn diese Maria jetzt Heirat oder irgendwann mal was Kleines sagt, bin ich tot, fuhr es Viktor durch den Kopf. Aber die Frau kam zum Wesentlichen:

"Sollen wir gleich darüber sprechen? Oder soll ich euch erst das Zimmer zeigen?", fragte sie.

Ein Zimmer. Vielleicht stand der Tod doch im Raum, nicht nur auf der Treppe. Emilia holte einen Notizblock aus ihrer Tasche.

"Später. Einfach frei von der Leber weg, so, wie du es erlebt hast. Was ist los?", fragte sie, den Kugelschreiber bereit in der Hand.

"Ja… eigentlich weiß ich ja, was los ist. Ihr habt das Loch hinter dem Haus gesehen? Da sollte ein Swimmingpool hinkommen."

"Und es waren menschliche Knochen in der Erde. Soviel wissen wir.", warf Viktor ein. Emilia wusste zwar wahrscheinlich nichts davon, aber wer sich nicht für selbstständige Recherche interessierte…

"Ja, das stand ja in der Zeitung. Und da ging es los. Ich habe die Polizei gerufen und die haben festgestellt, dass die Knochen mindestens hundert Jahre alt waren. So etwas kommt öfter vor, haben die Polizisten gesagt, kann man sich das vorstellen? Die Knochen haben zu einem Mann gehört, ich vermute, zu ihm hier."

Maria öffnete das Gästebuch und zog eine Fotographie zwischen den Seiten hervor. Sie war stark vergilbt; Viktor vermutete, dass sie lange Zeit dem Licht ausgesetzt gewesen war, möglicherweise in einem Rahmen an der Wand, oder auf einem Nachtkästchen. Die Frau schob das Bild in die Mitte des Tisches. Es zeigte einen Mann mit struppigem Vollbart und Hut beim Holzhacken. Aggressive Dynamik lag in der Aufnahme, als ob der Abgebildete eine persönliche Vendetta mit den Scheiten ausfocht.

"Soweit ich weiß, ist das eine Fotografie, die ihn als Bauherrn dieses Hauses zeigt.", sagte Maria.

"Ein Holzfäller hat eine damals hochmoderne, künstlerisch wertvolle Villa gebaut?", fragte Emilia.

Viktor hob die Augenbrauen. Niemals hatte dieser Kerl dieses Haus erbaut, geschweige denn konzipiert.

"Nein, Schätzchen, er hat sie in Auftrag gegeben. Aber er war der Eigentümer. Er muss irgendwie zu Geld gekommen sein. Andreas Radawicz hieß er und lebte hier mit Frau und Tochter. Ich habe sonst nichts über sie finden können. Aber das Alter der Knochen würde passen. Ich glaube, dass er hier umgeht."

"Gut, das ist eine Hypothese. Gab es sonst noch erwähnenswerte Ereignisse in der Vergangenheit? Todesfälle mit dramatischen Hintergrund, Selbstmorde oder so etwas?"

"Leider, ja. Eine Sache, von der ich weiß. Ich hatte damals die Villa zusammen mit meiner Schwester gekauft. Während der Renovierungsarbeiten hatte sie einen Unfall… Sie ist nachts die Treppe hinuntergestürzt und gestorben. Ich habe sie am Morgen gefunden. Von da an war ich auf mich allein gestellt."

So so, dachte Viktor. Die nette Maria also. Zu dem Spuk noch einen ausgewachsenen Geschwistermord obendrauf, falls sich sonst niemand im Haus befunden hatte. Trotzdem war er nicht davon überzeugt, dass beides zusammenhing.

"Schrecklich, tut mir sehr leid. Wann genau haben denn die Probleme angefangen? Wie äußern sie sich?" In Emilias Stimme schwang nicht der Hauch einer Emotion mit.

"Nachdem die Gebeine weg waren, gleich in der Nacht darauf. Schränke und Schubladen gehen von selbst auf und werden wieder zugeschlagen. Türen knallen. Schritte und lautes Stampfen. Wie in einem schlechten Gruselfilm, ganz genauso. Ach ja, Schmuck ist verschwunden, auch Geld. Mir sind viele Gäste abgesprungen, ein Ehepaar hat mir ins Gesicht gesagt, ich sei eine Diebin."

"Der Geist stiehlt? Ganz ungewöhnlich. Poltergeister schlagen alles kurz und klein, das ja. Übrigens, sehr oft sind aufgestaute Emotionen von Lebenden der Auslöser solcher Phänomene. Tut mir leid, ich muss das fragen, aber hattest du in der letzten Zeit ein aufwühlendes Erlebnis? Ich meine vor den Erscheinungen?", wollte Viktor wissen und dachte insgeheim an aufwühlende Erlebnisse, die Jahrzehnte zurücklagen und bei denen eine Treppe eine Rolle spielte.

"Nein, gar nicht. Aber der Geist stiehlt wirklich! Mir fehlt Geld und eine Brosche, nicht besonders wertvoll, aber trotzdem…"

Eine Tür öffnete sich und ein älterer, beleibter Herr ganz in Beige betrat den Raum. Beige Hose, beiges Sommerhemd, beiger Anglerhut. Er machte einen fröhlichen, jovialen Eindruck und kam erstaunlich flink an ihren Tisch.

"Das ist der Herr…", begann Maria, wurde aber dröhnend unterbrochen:

"Der Fritz. Und ihr seid die Okkultisten, oder?", lachte der Alte.

"Wir bevorzugen Meister der Geister. Aber Okkultisten geht natürlich auch. Spaß beiseite, im Kern haben Sie recht. Wir suchen das Verborgene."

"Da werdet ihr aber genau suchen müssen. Nichts gegen euch, gerade gegen hübsche Mädchen hab ich nichts, aber… Maria ich sags dir nochmal: Wegen dem Loch hat sich der Boden gesenkt und das Haus verzogen. Ganz normal. Das gibt sich.", behauptete Fritz und fügte hinzu:

"Ich war früher Baustatiker."

"Fritz, entschuldige, aber das glaube ich einfach nicht mehr. Schaden kann es ja nicht, wenn sich die Kinder mal alles anschauen.", meinte Maria in einem Tonfall, als müsse sie sich entschuldigen.

"Ja, schaden wird das nicht. Ich geh spazieren. Bis nachher. Ach ja, darf man bei euren Experimenten zuschauen?"

Das war so gar nicht im Sinne der beiden vermeintlichen Okkultisten.

"Tja, also eigentlich…", machte Emilia gequält.

"Schon verstanden, drei sind halt immer einer zuviel…", stellte Fritz fest und zwinkerte ihr anzüglich zu. Du bewegst dich auf dünnem Eis, Opa, und es knackt schon, dachte Viktor.

Aber Fritz traf die richtige Entscheidung, er war bereits auf dem Weg zur Haustüre. Maria sah einigermaßen peinlich berührt aus.

"Na, Skepsis kennt ihr ja wahrscheinlich. Aber er irrt sich, ganz sicher. Müsst ihr sonst noch etwas wissen?"

"Das dürfte reichen, manchmal ist es besser, nicht zuviele Details zu kennen. Unvoreingenommenheit.", behauptete Viktor.

Maria nickte und schob ihnen das Gästebuch zu. Danach führte sie sie zu ihrem Zimmer. Es lag im Turm. Emilia beobachtete Viktor genau, als sie die Treppe hinaufstiegen. Und Viktor schloss die Augen, als Marias Schwester mit weit aufgerissenen Augen und verzerrten Gesichtszügen durch ihn hindurchstürzte. Das Zimmer war allerdings wunderschön, es besaß einen der Erker, dort fand man man eine Sitzbank, von der aus man den Wald betrachten konnte. Es gab ein sehr großzügiges Doppelbett, dem gegenüber einen auf Barock getrimmten Spiegel inklusive Schminktisch, Wände und Vorhänge waren cremefarben. Eine eiserne Wendeltreppe führte in einer Ecke in ein weiteres Stockwerk, wo sich in die Schrägen unter dunklen, handbehauenen Balken ein Bad einfügte. Ein weiterer Erker ließ Licht herein, dass die schwarzweißen Fliesen glänzen ließ. Die Besitzerin war sichtlich stolz auf das Ensemble. Sie empfahl ihnen ein italienisches Restaurant in der Nähe, nannte ihnen die Frühstückszeiten und verabschiedete sich dann, nicht ohne ihrer Hoffnung Ausdruck zu verleihen, Emilia und Viktor mögen schnell Erfolge verzeichnen.

"Nicht zu viele Details. Besser nicht. Unvoreingenommenheit!", äffte Emilia ihn nach, als sie ihre Tasche auf das Bett wuchtete.

"Hübsche Mädchen mögen Sie? Ich äh, äh, äh, oh nein, ich werde ja ganz rot. Baustatiker? Famos, famos!", gab er zurück.

"Ich brauch meine Waffe. Tasche her."

"Hey, langsam reiten, Cowboy. Kein Grund, mich gleich abzuknallen."

"Nicht wegen dir. Wegen der Schubserin. Man siehts nicht sofort, aber die ist irrer als eine Katze in einem Sack voller Flöhe, jede Wette."

"Ich glaub nicht, dass sie uns ans Leder will. Die Frage ist eher, was von dem stimmt, was sie sagt. Gibt es nun einen Geist oder nicht? Nutzt sie vielleicht den Geist, um eine Entschuldigung zum Klauen zu haben? So ein Pool will finanziert sein. Aber das glaub ich irgendwie nicht. Steckt der steile Statiker dahinter? Fragen über Fragen.", rekapitulierte Viktor, während er seine Sachen in die Schublade unter dem Bett packte.

"Später. Ich gehe duschen. Heute abend sehen wir weiter."

"Gehen wir zu dem Italiener?", fragte Viktor und hätte sich sofort am liebsten die Zunge abgebissen.

"Du? Von mir aus. Ich? Sicher nicht. Was soll das werden, Wurmauge?"

"Essen müssen wir was. Aber na schön, tut mir leid, hier gibts eine Küche, irgendwo. Da ist sicher was im Kühlschrank. Ich werd mich mal umsehen."

Bevor er die Treppe herunterhastete, wartete er den unvermeidlichen Sturz ab und nutze dann das kurze Zeitfenster. Vom Foyer führte eine Tür zu einem Gang, von dem zwei weitere Türen abgingen. Eine war verschlossen, also handelte es sich wahrscheinlich um das Zimmer von Fritz, die andere führte in einen Raum, der fast genauso gut eingerichtet war wie ihrer. Fast. Sie hatten wohl die Honeymoon-suite bekommen. Den Wintergarten erreichte Viktor ebenfalls durch den Eingangsbereich. Er erwies sich als Speisesaal inklusive halboffener Küche und einem Durchgang mit einem "Privat"-Schild. Es war so unerträglich heiß, dass Viktor sich sofort wieder umdrehte. Aus dem Augenwinkel sah er etwas Graubraunes draußen bei der Grube. Als er genauer hinsah, war es verschwunden.

"Verdammte Augen.", murmelte er.

Vorsichtshalber klopfte er an, als er wieder vor dem Zimmer stand. Das "Herein!" war weniger schroff als gewohnt, aber es hätte schließlich auch jemand anderes als er sein können. Emilia saß mit einem um den Kopf gewickelten Handtuch auf dem Bett und tippte etwas in ihren Computer.

"Netter Turban. Erstattest du Bericht?"

"Ja, fast fertig. Ist ja nicht viel bis jetzt. Irgendwas interessantes?"

"Vielleicht hab ich was gesehen, bin aber nicht sicher. Wie wollen wir denn nun heute Nacht vorgehen?"

"Wir schleichen mit den Kameras im Haus herum und versuchen, zu dokumentieren. Oder hast du eine bessere Idee?"

Viktor holte sich ein Handtuch und Duschgel aus der Schublade.

"Nein. So machen wir das. Ich geh dann mal den Klodeckel hochklappen und die Haare aus dem Abfluss fischen."

"Verirr dich nicht in der Dusche, wenn du die Brille abnimmst.", antwortete sie ohne aufzusehen.

Als er wieder die Wendeltreppe herunterkam, war Emilia nicht mehr da. Viktor warf sich auf das Bett und starrte die Decke an. Manchmal wünschte er sich, er könnte seine Mutter anrufen oder wenigstens mailen. Mit den wenigen Freunden von früher in Kontakt treten. Aber das war, zumindest im Moment, unmöglich. Er genoss einen Vertrauensvorschuss der Foundation und er wollte sich nicht vorstellen, was passierte, wenn er diesen mit Füßen trat. Er schloss die Augen und war wenige Sekunden darauf eingeschlafen.
Er schreckte hoch, als etwas auf seinen Bauch klatschte. Reflexartig bekam er es zu fassen; brauchte einen Moment um klar zu werden. Es war ein Pizzakarton. Am Fußende des Bettes stand Emilia und sah ihn herausfordernd an. Draußen begann es zu dunkeln, er musste einige Stunden geschlafen haben.

"Lass mich raten… Hawaii?", fragte er mit leicht pelzigem Mund.

"Nein, den Richtlinien nach darf ich dich nicht töten. Salami."

"Dann… danke. Ist das von dem schnuckeligen Italiener?"

"Iss es, oder lass es."

Viel später saßen sie wieder in den Sesseln des Foyers. Sie hatten so ziemlich alles ausprobiert und hatten alle zugänglichen Teile der Villa untersucht, gefilmt, mit konventionellen Messgeräten durchgecheckt. Keine Ergebnisse. Keine Vorkommnisse. Es war erstaunlich, wie schnell eine Geisterjagd langweilig werden konnte. Viktor blickte zum gefühlt hundertsten Mal auf das Hume-Meter. Alles normal. Er hatte den Sessel mit dem Rücken zur Treppe gedreht, weil sogar dieses Spektakel irgendwann nicht mehr schockierte, sondern nervte. Drei Uhr, dachte er, Teufelsstunde, von wegen.

"Nochmal zur Grube?", fragte er.

Emilia schüttelte den Kopf, schaltete eine der Kameras ein und legte sie so auf den Tisch, dass die Aufnahme einen Großteil des Raumes abdecken würde.

"Ich geh schlafen. Wenn es doch noch kracht, werden wir es schon merken. Du kannst ja noch bleiben, wenn du meinst."

Er meinte nicht. Wenig später saß er mit einem Taschenbuch am Schminktisch und las; nach dem ungewohnten Schlaf am Nachmittag war er hellwach. Emilia hatte offenbar bereits die berühmte Fähigkeit der Soldaten erlernt, sofort einschlafen zu können, wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Wenigstens waren sie beide erwachsen genug, aus dem gemeinsamen Zimmer und dem Doppelbett kein Thema zu machen. Vielleicht war Emilia aber auch dazu schon viel zu sehr Soldat. Er vertiefte sich wieder in seine Lektüre, als er hörte, wie der Türknauf gedreht wurde. Langsam und vorsichtig. Aber die Tür war von innen verriegelt. Viktor spitzte die Ohren, starrte auf die Tür. Etwas schob sich durch das Holz. Eine elektrische Welle wogte durch sein Rückgrat, die Haare auf seinen Armen stellten sich auf, die Kopfhaut prickelte. Reiß dich zusammen, das hast du tausendmal trainiert und Schlimmeres gesehen, du bist ein Agent, verdammt nochmal, sagte er sich. Sich selbst innerlich vollzusülzen half manchmal. Zuerst erschien ein Gesicht, dann eine Hand, dann ein Bein, dann stand die Gestalt vollständig im Zimmer. Eine ältere Frau mit zerzaustem Haar in altmodischen Fetzen, einem Gesicht, das fortwährend fürchterliche Fratzen schnitt, dürren Armen und Händen wie verkrümmte Krallen. Ein halbtransparenter Albtraum in Sepia, einer Farbe, die Viktor noch nie bei seinen Erscheinungen gesehen hatte. Außer an der Grube. Und sie stellte auch nicht einfach eine Wiederholung von Vergangenem dar, dass wusste er. Das hier war jetzt. Der hintere Teil seiner Augen begann zu schmerzen, wie bei einer beginnenden Migräne, noch ein Novum. Der Geist drehte den Kopf und musterte die schlafende Emilia. Ein Loch klaffte seitlich im Schädel des Phantoms, verkrustet von schwarzem Nicht-Blut. Viktors Gedanken rasten, hunderte Stunden Vorbereitung und keine Lektion schien in dieser Situation zu passen. Die tote Frau machte einen Schritt auf Emilia zu, grinste grimassenhaft. Denk nach! Emilia wecken? Einfach losbrüllen? Schmuck! Vielleicht… Er gähnte übertrieben und nahm das Udjatauge ab. Legte es neben sich auf den Tisch und zwar so, dass die Kette auf dem Anhänger klirrte. Tatsächlich fuhr die Gestalt herum und fixierte das Schmuckstück aus verfallenen Augen. Das Grinsen wurde noch breiter, entblößte schwarze Löcher, wo einst Zähne gewesen waren. Viktor schauderte wieder als der Geist mit schnellen Schritten zu ihm kam. Gierig schnellte eine braune Kralle vor, um nach dem Horusauge zu greifen. Oberhand behalten! Er legte schnell seine Hand auf den Anhänger und sprang auf.
"FINGER WEG! VERPISS DICH!", brüllte er so laut er konnte und ruckte mit dem Gesicht auf dasjenige der toten Hexe zu.
Der Erfolg war durchschlagend, das Phantom zuckte zurück, als hätte es sich verbrannt, das entstellte Gesicht zeigte den Ausdruck größter Überraschung. Genau, ich sehe dich, du Miststück. Emilia setzte sich im Bett auf. Der Geist machte kehrt und hastete durch die Tür hindurch aus dem Zimmer.

"Hat man dir ins Gehirn…", rief Emilia, aber Viktor hantierte bereits am Türschloss. Einen Moment später stand er auf der Empore und blickte nach unten ins Foyer. Weg. Er sprang förmlich die Treppe hinunter, ohne auf Marias glücklose Schwester zu achten. Keine Spur des Geistes.

"Scheiße!"

Er hatte womöglich einen Fehler gemacht. Aber wie hätte der Geist das Horusauge nach draußen bringen sollen? Er mochte vielleicht in der Lage sein, durch Wände gehen zu können, aber der Anhänger wäre nicht durch die Tür gegangen. Und der Geist musste doch wissen, dass er die scheinbar schwebende Halskette auf jeden Fall bemerkt hätte. Also? Das einzige, was ihm als Erklärung einfiel, war, dass das Phantom derart besessen von fremden Wertsachen war, dass die Gier logische Entscheidungen außer Kraft setzte. Möglicherweise war dieser Drang sogar der Grund für seine Existenz. Er nahm sich die Kamera vor. Wie zu erwarten war, zeigte sie gar nichts. Maria kam aus dem Speisezimmer, und schaltete zusätzliche Lampen an.

"Vincent, was ist los? Ich habe einen Schrei gehört…"

"Ja… tut mir leid, ich hatte einen Albtraum. Tut mir sehr leid, dich geweckt zu haben.", entschuldigte er sich und wusste genau, was sie antworten würde.

"Das ist wegen den Sachen, mit denen ihr euch beschäftigt. Du Armer."

Emilia kam die Treppe herunter.

"Es ist in Ordnung, Maria, du kannst ruhig wieder ins Bett gehen. Wir wollten eigentlich für heute Schluss machen, aber da wir ja jetzt wieder wach sind, können wir genauso gut die Untersuchung fortsetzen.", meinte sie.

Maria stellte ihnen noch einige Fragen, bevor sie sich endlich wieder in ihre Räume begab. Viktor setzte Emilia ins Bild.

"Also ist es doch ihre Schwester?"

"Eben nicht. Das ist, oder vielmehr war, eine andere Person. Aber sie ist auch ermordet worden, der Kleidung nach vor über hundert Jahren."

"Ich blicke langsam nicht mehr durch. Wer ist sie? Wieso macht sie das alles?"

"Reine Gier. Schiere Lust am Klauen. Und wenn das nicht klappt wird sie wütend und knallt Türen zu, ziemlich kindisch. Und wer sie ist… ich glaube, es könnte…"

Stöhnen war plötzlich zu hören. Die Tür, die zu dem Gang mit den Gästezimmern führte öffnete sich und Fritz, nur mit Unterhose und weißem Baumwollshirt bekleidet, stolperte herein. Mit einer Hand hielt er sich den Kopf, die andere presste er auf den Mund. Zwischen den Fingern quoll Blut hervor, Kragen und Vorderteil des Hemdes waren dunkelrot besprenkelt. Der alte Mann sah aus, als würde er jeden Moment ohnmächtig werden.

"Scheiße, was…", sagte Viktor. Emilia stürzte zu Fritz, bevor dieser hinfallen konnte, und half ihm, sich hinzulegen.

"Ruf einen Krankenwagen. Er hat einen mordsmäßigen Schlag auf den Kopf bekommen."

Viktor holte sein Handy hervor und wählte die Nummer einer Ambulanz, deren Fahrer keine Fragen stellen und keine Polizei rufen würden. In diesem Moment stürzte der Geist aus dem Gang mit den Gästezimmern in den Raum. Als die Tote Viktor sah, bleckte sie hasserfüllt die Zähne und begann zu rennen. Es ging zu schnell, als das Viktor Emilia noch hätte warnen können. Das Phantom stieß sie auf dem Weg in Richtung Haustüre zur Seite; Emilia stolperte über Fritz und konnte sich gerade noch auf den Beinen halten.

"Mach du den Anruf!", rief Victor und machte sich an die Verfolgung. Er sah den Geist durch die geschlossene Haustür verschwinden und irgendetwas fiel klickend auf den Holzboden. Er beeilte sich, den Eisenschlüssel herumzudrehen und die Tür aufzureißen. Ganz schwach im fahlen Licht sah er die Gestalt zwischen den Bäumen im Wald verschwinden. Wieder entwischt, dachte er, aber jetzt weiß ich, wo du wohnst. Er atmete tief durch und rannte über den Kiesweg zu den vordersten Eichen und spähte durch das Gestrüpp. Nichts mehr. Er kehrte ins Haus zurück. In der Diele erkannte er, was bei der Flucht des Phantoms heruntergefallen war. Es handelte sich um zwei blutverschmierte Goldzähne.

Beinahe bis zum Tagesanbruch dauerte es schlussendlich, bis Fritz, dessen Gebiss fast vollständig zertrümmert war, abtransportiert und Maria nach einer (wahrscheinlich recht speziellen) Injektion wieder eingeschlafen war. Emilia lehnte an der Wand ihres Zimmers und blickte kritisch drein, während sie das Nachtsichtgerät auf "Eso/Tag" einstellte. Viktor sah durch den Erker nach draußen.

"Und was machen wir, wenn wir nichts finden?", meinte sie.

"Dann bist du nicht mehr der Überflieger im Team. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Leiche da draußen im Wald ist. Hab Erfahrung mit sowas."

"Wir haben hier im Moment zu wenig Kontrolle, ist dir klar, wie der Angriff auf den Alten im Bericht rüberkommen wird?"

"Und genau deswegen schreibst du jetzt auch keinen. Lass uns gehen, in Ordnung?"

Sie suchten zunächst nach einem Weg, einem vergessenen Pfad, der durch den Wald führte. Aber alles schien aus überwucherten Ranken zu bestehen. Also machten sie sich mit Gewalt Platz, Brombeerdornen ritzten durch die Kleidung schmerzhaft ihre Haut. Dahinter fanden sie fast völlig ausgetrockneten, freien Boden vor.

"Wer konnte denn ahnen, dass die vertrocknete Spektral-Schabracke so durchdreht?", bemerkte Victor, angestrengt zwischen den Bäumen nach Zeichen suchend.

"Du hast das SCP derartig provoziert, und das werde ich so und genau so auch protokollieren!", schnappte Emilia.

Obwohl er wusste, dass er bei Versagen die schlimmeren Konsequenzen würde tragen müssen, gingen ihm Emilia und ihre Karriereangst wieder so stark auf die Nerven, dass er antwortete:

"Amnestikum, Bundeswehr, klassisch, viel Glück dabei, General Zimizo."

Emilia hatte sicher eine sehr scharfe Erwiderung auf den Lippen, aber in demselben Moment, als ihm der Weg auffiel, der sich verwildert zwischen einigen Stämmen abzeichnete, sah er auch ihre Hauptverdächtige.

"Hab sie. Setz dein Sichtteil auf. Vielleicht dreißig Meter entfernt, in dieser Richtung."

"Ich seh gar nichts. Eso-Sicht taugt nichts!"

"Es ist nicht der Geist, sondern ihr Abbild kurz vor ihrem Tod. Sieht immer noch irgendwie wild aus, aber deutlich besser als jetzt. Sie geht da entlang, scheint mit jemandem Händchen zu halten. Wir sind nahe dran."

Sie beschleunigten ihre Schritte und schlossen langsam zu der grauen Figur auf. Auf einer kleinen Lichtung blieb sie stehen.

"Ok, sie wartet auf irgendwas. Jetzt… na, sieh mal an.", beschrieb Victor, was er beobachtete.

"Gefällt mir gar nicht, mich nur auf dich verlassen zu müssen. Was ist denn los?", murrte Emilia.

"Sie geht durch den Boden. Da muss irgendwo eine Leiter sein. Dort unten ist sie wohl gestorben."

Emilia zog ihre Waffe. Victor rollte innerlich mit den Augen, was konnte eine Pistole gegen etwas Nichtstoffliches schon ausrichten? War das schon eine Art Muskelgedächtnis? Aber gelernt war eben gelernt, schwierig, einem Soldaten so etwas abzugewöhnen. Die Stelle, an der das Bild der Frau verschwunden war, machte keinen sonderlich anderen Eindruck als die Umgebung: Tannennadeln, vertrocknetes Moos, Äste und Unkraut. Allerdings fanden Emilia und Viktor dort auch einige Münzen, die noch nicht lange dort liegen konnten, sowie eine Kamee, in die ein weißer Damenkopf eingeschnitzt war.

"Tritt nicht drauf, wenn Holz drunter ist, brichst du vielleicht durch!", kommandierte Emilia.

"Kannst du den Dreck entfernen, ich sag dir, wenn ich etwas Verdächtiges sehe?"

"Gut. Spürt man das eigentlich, wenn so ein Toter aus der Vergangenheit durch einen durchgeht?"

"Das wüsstest du, glaub mir. Heute allein ist dir das sicher schon mehrmals passiert."

Emilia machte sich vorsichtig am Boden zu schaffen und Victor sah abwechselnd in Richtung des Weges und zu ihr. Es dauerte nicht lange und die graue Frau tauchte wieder auf, verharrte nur etwa einen halben Meter neben Emilia, um dann durch sie hindurch im Untergrund zu versinken, mit den abgehackten Bewegungen einer Person, die eine Leiter hinabstieg.

"Und, hast du was gespürt?", fragte er wie nebenbei.

Emilia versteifte sich.

"Gerade? Nein. Du bist ein Arsch, 140. Sag mir lieber, wie das Stück mich wegstoßen und versuchen kann, Türen zu öffnen? Einem Mann mit einem Schürhaken dermaßen die Fresse zu polieren? Warum öffnet sie nicht das hier?"

Sie hatte uralte, wirklich nicht gerade vertrauenerweckende Bohlen freigelegt und warf ihm einen völlig verrosteten Eisengriff vor die Füsse. Das Holz war kreisrund angeordnet und wirkte wie der altertümliche Verschluss eines Brunnens.

"Ich weiß es wirklich nicht, es kann mit Materie interagieren, Sachen herumtragen, aber auch immateriell werden. Aber ein Poltergeist ist es auch nicht. Wir sollten jetzt zum Haus zurückgehen."

"Spinnst du jetzt total? Da unten ist sie ja wohl?"

"Richtig, und was sollen wir machen? Wir können den Geist weder einfangen noch neutralisieren. Ich hab ein paar Ideen, ich muss einige Anrufe machen."

Emilia bestand auf dem Rückweg darauf, Einzelheiten zu erfahren und weil ihm ihre Gleichberechtigung mindestens dreimal so sehr am Herzen lag wie ihr, erzählte er ihr alles. Sie reagierte ungewohnt gelassen:

"Das sind ein Haufen Variablen, Vermutungen und lose Enden, Wurmauge. Das geht auf deine Kappe. Ich mach nur mit, weil mir keine bessere Variante einfällt. Und weil dem SCP einfallen könnte, dass es uns schaden kann. Die Tatsache, dass du es sehen kannst, wird es nicht lange aufhalten."

"Es kommt darauf an, wie gut du durch ein Kissen atmen kannst, das ist erstmal das Wichtigste.", erwiderte er und zog sie aus der Bahn des Totenbildes, das schon wieder ihren Weg kreuzte.

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