Geros Geschichtsbuch

In einem Raum voller Geräte, Kabel und anderen technischen Sachen, saß ein Mann, nachdenkend, gekleidet in einem weißen Kittel, Hemd und schwarzer Hose. Er blickte auf ein auf dem Boden liegendes Blatt vor ihm voller Text und Zeichen. Das Blatt war von dem Mann mit Wörtern, Pfeilen und Fragezeichen vollgekritzelt worden. Der rote Stift, der noch vor kurzem dazu genutzt wurde, das Blatt zu beschreiben, wurde von dem Mann in seiner rechten Hand gedreht. Sein Kopf, mit der anderen, linken Hand gestützt, war voller Überlegungen und Gedanken. Der Mann, hochkonzentriert, befand sich alleine in diesem Raum. Das Ein- und Ausatmen des Mannes und das Drehen des Stiftes waren die einzigen Geräusche, die den Raum immer wieder füllten.

"Hey, Carl! Ich habe nach dir—… ", ein weiterer Mann, fast gleich gekleidet und ungefähr des gleichen Alters, stand am Eingang zum besagten Raum, eine metallene, schwere Tür. In der Mitte seines Satzes stoppte der an der Tür stehende Mann und blickte auf Carl, denjenigen, der gerade mit einem Runzeln auf der Stirn auf das Blatt starrte. Carl bemerkte den Gast nicht, und setzte sein Starren fort.

"… Carl?", fragte der Gast in den Raum hinein. "Erde an Carl, bitte kommen!"
Mit leichten Schritten fing der Gast an Carl näher zu kommen. Als er sich hinter ihm befand, blickte der Neugierige über Carls Schulter.
"These, Anti-These, Synthese… kommt mir… bekannt vor", flüsterte der ungebetene Gast über Carls Schulter zu sich selber. "Seele… Scheinwelt, Ideenwelt. Hm, Platon?"
Carl, immer noch auf das Blatt konzentriert, schien wie versteinert. Der Gast bemerkte den Rotstift, den Carl ebenfalls immer noch in seiner Hand drehte.
Mit einer gelenkigen Bewegung schnappte sich der Gast den Stift aus Carls Hand und schnipste gleichzeitig mit seinen Fingern der anderen, freien Hand.
Ruckartig kam Carl in die Realität zurück, dabei drehte er sich um und sprang etwas hoch.
"Guten Morgen, Carl, wieder unter uns?"
"Mein Gott, David, erschrecke mich bitte nicht so. Sonst kriege ich noch irgendwann einen Herzinfarkt!", sagte Carl, während er seine Hand auf seine Brust legte.
"Bist' doch selbst daran schuld, sitzt einfach nur mitten im Recherche-Raum rum und achtest nicht auf deine Umgebung!", David lachte kurz auf, nachdem er seinen Satz vollendet hatte, und grinste Carl fröhlich an.
Carl seufzte, "Also, was ist los?"
"Es gibt bald eine Besprechung, ich sollte dich holen", antwortete David mit dem selben Grinsen und reichte Carl seine Hand.
"Besprechung? Ne' Abteilungs-Besprechung?", fragte Carl nach, während er Davids Hand ergreifte. Mit einem Ruck befand sich Carl wieder auf seinen Füßen.
"Jep, die ganze obere 188 ist auf der Versammlung. Das Thema ist glaube ich die Kooperation mit den Italienern, oder sowas in der Art. Keine Ahnung, ich kann mir das nicht merken."
"Ah, hm, verstehe. Na dann…", sagte Carl. Er hob sein Blatt vom Boden auf. Als er anfangen wollte in Richtung Tür zu laufen, hielt ihn David an.
"Hey, Carl, dein Stift!"
"Ah, danke."
"So vergesslich und verpeilt wie eh und je, hm?"
"Das sagt ja ausgerechnet der richtige." Die beiden fingen an zu lachen, und bewegten sich gen Ausgang.


"Herr Knox, Herr Kühn", am Eingang zum Besprechungsraum begrüßte Helmut Van Etterbeek Carl und David, von den meisten im privaten auch "Van Helli" genannt, und streckte ihnen nacheinander seine Hand aus. "Schön, dass Sie gekommen sind."
"Nun, es wäre ja auch sehr, ähem, unangemessen wenn zwei Forschungsleiter nicht zu solch einer Versammlung kommen würden, denken Sie nicht?", David, wie immer positiv gelaunt, lächelte Van Helli an.
"Heh, da ist was dran", der Projektleiter lachte kurz auf und nickte daraufhin. "Nun gut, wir sehen uns im Saal."
Carl, der nicht so frei mit seinen Vorgesetzten reden konnte, nickte. "Gut."

David und Carl betraten den Saal, während Van Helli vor dem Eingang stehen blieb.
"Wartet der auf jemanden?", fragte David Carl, als diese sich weit genug von Van Helli entfernt befanden, sodass er sie nicht hören konnte.
"Da fragst du den falschen. Ich bin ein Philosoph, David, kein Gedankenleser." Carl erblickte im Saal einen langen, grauen Metalltisch mit Stühlen und weitere, kleinere Tische, die allesamt mit Blumenvasen verziert wurden. An jedem Platz stand immer ein Glas, in die man anscheinend Mineral- oder Stillwasser aus den auf den Tischen stehenden Plastikwasserflaschen einfüllen konnte, falls man durstig wurde.
"Durstig?", so, als ob David Gedanken lesen konnte, setzte sich dieser auf einen Platz am langen Tisch und nahm eine Wasserflasche in die Hand.
"Ah, nein nein, danke." Carl setze sich auf den Platz links von David hin. "Gedanken… huh…", murmelte Carl vor sich hin, und verschwand beinahe in seine Ideenwelt, jedoch stupste David ihn noch rechtzeitig an. "Hey hey, nicht schon wieder!", beschwerte sich dieser.
"Oh, haha, sorry", sagte Carl etwas verlegen.
"Was bist du bloß für ein vertiefter Denker…", sagte David mit einem Seufzen zwischendrin, nachdem er sein Glas mit sprudelndem Wasser aus einer Flasche gefüllt hatte. Mit zwei leichten Armbewegungen lehnte sich dieser am Tisch an und begann sein Wasser zu trinken, während er seine Augen auf die Projektionsfläche an der etwas weit entfernten Wand richtete. Daraufhin griff Carl in seine rechte Kitteltasche und entnahm seine schwarze, moderne Brille.

Immer weniger Menschen flossen in den Saal hinein. Stattdessen setzten sich diese nacheinander auf ihre Plätze hin und wurden still, indem sie darauf warteten, dass die bevorstehende Besprechung endlich beginnt.


Nach etwa fünf Minuten, trat Van Helli vor die Projektionsfläche, mit einem schwarzen, kabellosen Mikrofon in seiner rechter Hand. Der Raum wurde abgedunkelt, und die letzten Tuschel-Gespräche verschwanden. Nach kurzem Testen, fing Van Helli an in das Mikrofon zu sprechen.
"Guten Tag, meine werten Damen und Herren. Es freut mich, dass sich so viele versammelt haben."
Van Helli machte eine Bewegung mit seiner linken, freien Hand und der Projektor an der Decke fing an Licht auf die Projektionsfläche zu werfen. Auf dieser war nun eine Folie mit der Überschrift "Italienische Kooperation - Der Ablauf der neuen Arbeitsphase" zu sehen. "Wie Sie sicher bereits wissen, dient diese Versammlung dazu, dass die allgemeine Vorgehensweise der Kooperation mit dem italienischem Zweig besprochen wird". Er trat etwas zur Seite, womit er den eigentlichen Start der Präsentation kennzeichnete. Die erste Folie verschwand und die zweite war nun zu sehen.

Van Helli erklärte den Ablauf der Präsentation, und auf was in dieser eingegangen wird. Die Präsentation war logisch und sauber aufgebaut. Ein weißer Hintergrund, schwarze Schrift und ein ebenso simples "F188" in der oberen, linken Ecke jeder Folie spiegelten Van Hellis Charakter wieder. Langweilig, aber schlau, rational und zielstrebig.
"'ROWSANNAH' und 'Et3rna' - wenn Ihnen dies etwas sagt, dann wissen Sie bereits, warum dies gerade angesprochen wird."

"Wasn' das?", fragte David im Flüsterton Carl.
"KAIs von dem italienischen Zweig" , erklärte Carl.
"Ach so, stimmt, da war ja was…"
"Dass ausgerechnet du das vergisst, Forschungsleiter der BCIAS-Entwicklung, David Knox."
"Ach, halt die Klappe, Carl."

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