Geros Geschichtsbuch
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Henrik wachte auf. Schon lange hatte er keinen so ausgiebigen Schlaf. Das letzte Mal dass er sich daran erinnern kann gemütlich und reichlich schlafen zu können, war wohl zuhause. Manchmal stellte er sich selber die Frage ob er denn jemals nach Hause kommen wird oder ob jetzt das sein Zuhause ist. Kein einziges Mal konnte er sich diese Frage beantworten. Ach, was er bloß hergeben würde um endlich mal eine ruhige Nacht schlafen zu können.

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"Verdammt… wie lange habe ich denn geschlafen?", die Worte rutschten Henrik einfach so aus dem Mund, die Frage war nicht wirklich an sich selber oder sonst jemanden gerichtet. Er schaute sich um und erkannte seinen Arbeitsplatz. Die Sinne waren immer noch betäubt, so konnte er nur mit Schwierigkeit die düstere Tischlampe, seine zerkritzelten Notizblätter unter seinen Kopf und das allzu-grässliche Steuerungspanel erkennen.

Nur mit Mühe gelang es ihm einen Blick auf die Uhr zu werfen.

"Eine… nein, zwei Stunden? Es ist wohl Zeit aufzustehen…", mit diesen Worten streckte sich Henrik in seiner nicht allzu-großen Kammer und stand vom Stuhl auf. Er griff zur Türklinke hinter sich und riss die Tür in die entgegengesetzte Richtung auf. Ein blendendes Licht strahlte in seine an die Dunkelheit gewöhnten Augen. Mit diesem klinischem Weiß der Wände konnte sich Henrik noch nie anfreunden.

Er ging den viel zu langen Gang runter und stoppte in der Kantine, ein heißes Kaffee ist genau das was er jetzt bräuchte. Nach der kleinen Pause und Erfrischung machte sich Henrik auf dem Weg zu dem Aufenthaltsraum. Da er seine Arbeit wie es aussieht vor seinem Nickerchen schon erledigt hatte, entschloss er sich seine Freunde zu treffen. Ein Bisschen Gerede sollte ihm wohl nicht schlecht tun.

Als er beim Aufenthaltsraum angekommen ist, erblickter dieser eine keines Falls seltene Vorstellung.

"Hey Leute, was ge—"

"SHOW ME THE MONEY, SH-SHOW ME THE MOONEY!"

Die zwei Verrückten schrien aus dem ganzen Hals irgendein unbekanntes Lied heraus. Auch wenn Henrik mittlerweile an solche Sachen von den Zwei gewöhnt war, war das mal wieder was Neues.

Henrik seufzte, "Haaaa.. Was macht ihr Verrückten mal wieder?"

"Ohh, der Professor ist da!", entgegnete Malwer mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Die Antwort von Harold folgte kurz nach Malwers Ansage, "Ahh! Henrik! Setzt dich zu uns, sing mit!"

"Ermm, nein Danke, ich muss ablehnen. Trotzdem, was treibt ihr denn gerade eigentlich?", antwortete Henrik.

"Ach, das ist ein Lied das ich auf einer CD gefunden habe. Sowas ist bei unserem Zustand ziemlich selten also warum nicht?", Harold hatte ein mindest genauso breites Grinsen auf den Lippen.

"Ihr seid mir ein Pack.", sagte Henrik mit einem leichten Lächeln im Gesicht.


Henrik kannte die Beiden schon lange, schon vom Anfang an. Alle drei waren junge Burschen, gerade mal 30 geworden und trotzdem haben sie sich dem Ablauf ihres gesamten Lebens bestimmt. Mancher würde dies gutheißen, ein Leben das man selber bestimmt ist nicht immer eine Möglichkeit.

Nach etwa einer Minute beruhigten sich die Verrückten und schlürften an den zwei Kaffeedosen die Henrik ihnen aus der Kantine mitgebracht hatte.

"Und, was habt ihr heut noch vor?", warf Henrik auf ein Mal in den Raum.

Malwer antwortete und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, "Ich muss noch zum A2. Scheiß Wartungsarbeiten. Die anderen sind schon drüben, also muss ich alleine fahren."

"Ich habe heute frei. Wahrscheinlich gehe ich mich ausruhen, man kann hier Schlaf nie genügend kriegen."

Malwer war im mobilen Wartungsteam und Harold ein Mitglied in einer lokalen MTF-Einheit. Henrik war ein Forscher, schon immer wollte er einer sein, auch wenn nicht unbedingt einer in der Foundation. Das mobile Wartungsteam war für die Wartung der Außenposten und dem Standort zuständig, und da das Gelangen an diese recht unbequem war, wurde das Team respektiert. Getroffen hatten sich die Drei noch in Deutschland, im Standort-DE12. Henrik war damals noch ein Neuer im deutschen Zweig und meldete sich für das Programm. Eine eigene Familie hatte er keine, die Eltern sind schon gestorben, das Zuhause immer leer. Ein perfekter Freiwilliger.

Henrik erinnerte sich plötzlich daran, worum ihm Dr. Laura gebeten hat. Er solle mal eine Probe von der Oberfläche bringen.

Auch wenn ihn das nervte, fing der junge Professor an zu sprechen, "Malwer, kann ich mit dir kommen? Ich muss noch eine Probe für Dr. Laura mitbringen, also muss ich ja irgendwann da raus."

"Haha, der Prinz will der Prinzessin ein Blumenbouquet pflücken? Na da mische ich doch gerne mit!"

"Das habe ich doch gar nicht behau—"

"Alles klar, du kannst mitkommen, ich geb bloß dem Boss bescheid. Wir treffen uns um vier am Haupttor, alles klar?", unterbrach Malwer den Wiederspruch von Henrik.

Henrik seufzte, "… Alles klar."

Malwer stand vom Stuhl auf und fing an zu laufen. "Gut, na dann bis dann Henrik und Harold!", rief er den Beiden zu.

"Jo, passt auf euch da draußen auf!", sagte Harold und fing an Henrik und Malwer zuzuwinken.

Auch wenn die ständigen Witze von Malwer den Forscher auf die Nerven gingen, musste die Probe extrahiert werden. Er ging zu seiner Höhle zurück und zog den Thermoanzug an. Es blieb noch rund eine halbe Stunde Zeit bis zum Rendezvous mit Malwer am Haupttor, also beschloss er kurzer Hand bei der Brücke vorbeizuschauen. Warum wusste er selbst nicht ganz genau, er hatte einfach Lust dazu.


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Als er bei der Brücke ankam, entfaltete sich die reguläre Szene vor seinen Augen. Das laute Piepsen der Signale, das ständige Gelaber über die Funkkontakte, die flackernde Monitore. Aus der Ecke seines Augenwinkels entdeckte er Dr. Laura, so beschloss er diese anzusprechen.

"Ermm, Dr. Laura?"

Dr. Laura drehte sich mit einem kurzen Sprung um, "Oh! Erschreck mich doch bitte nicht so Henrik! Ich war gerade am Überlegen, ob die Instanzen von 013-DE auch hier oben sich manifestieren können. Was meinst du dazu?"

"013-DE? … Waren das nicht… diese 'Gesichter'?"

"Ja, ja! Genau die! Ich habe mir schon gedacht dass du die Akte durchgelesen hast.", antwortete die weibliche Forscherin.

Henrik stockte und verfiel ins Überlegen, "Ermm… ich glaube ja?"

"Oh, du glaubst das also auch? Ja, ich denke auch dass sie hier auch sind."

Henrik stellte eine Gegenfrage, "Macht das Ihnen denn keine Angst? Oder, besser gesagt… ist es nicht 'beunruhigend'?"

"Ach Henrik, ich bin ein Forscher! Ich habe niemals vor meinen Theorien Angst!", antwortete Dr. Laura.

"Ja, das passt zu Ihnen."

Dr. Laura war ein aufgeschlossener und sehr offener Mensch. Sie teilte immer ihre Theorien mit Henrik und diskutierte diese aus, auch wenn meistens am Ende immer sie das letzte Wort hatte. Henrik wusste nicht so recht was er von ihr denken sollte, auch wenn er Dr. Laura in einem bestimmten Maß sehr mochte.


Um vier Uhr trafen sich Henrik und Malwer beim Haupttor. Sie zogen die Raumanzüge an und setzten sich in einen Rover.

"Du fährst! Ich konnte mich nie an die Steuerung von den Rovern gewöhnen können.", mit dieser Aussage setzte sich Malwer auf dem Passagiersitz, ohne sich dabei festzuschnallen. Henrik machte es sich im Fahrersitz gemütlich. Er hatte nicht oft so ein Ding gefahren aber genügend Erfahrung hat er auf Oberflächenexpeditionen gesammelt. Mit einem Handzeichen meldete Henrik einem Mitglied des Personals, dass dieser das Tor öffnen sollte.

Das große Haupttor öffnete sich langsam und gab ein raues Geräusch von sich. Henrik drückte auf das Gaspedal und der Rover fuhr aus dem Eingang. Kurz nachdem er den Rover weit genug vom Tor des Standortes-M001 entfernt hat, schloss sich dieses. Dieses Mal ohne ein Geräusch.

Eine erstaunliche Sicht erstreckte sich vor ihnen.

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Malwer fing an zu sprechen, "Auch wenn ich dies immer wieder sehe, so kann ich es immer noch nicht glauben dass wir am Mond sind… Manchmal denke ich, dass all dies ein Traum ist…"

"… Mhh-Mmm…", Henrik konnte nur ein zustimmendes Geräusch herausbringen.

Während Malwer in seinen Tagträumen versank, genoss Henrik die Sicht. Als Forscher kriegt er die Oberfläche des Mondes nicht oft zu Gesicht.

Der Rover bewegte sich langsam, wie ein großer Wal der durch das Meer gleitete. Eine Weile lang sagte keiner der Beiden etwas. Nur Stille. Absolute Stille.

So kam es dass Henrik als erstes die Totenstille brach, "Sag, glaubst du dass die Instanzen von SCP-013-DE auch auf dem Mond sind?"

"Äh? 013-DE? Die Figuren mit Gesichtern von den du mir erzählt hast? Warum interessiert dich denn das?"

"Ach… nur so ein Gedanke. Die Sicht hat mich an Einsamkeit erinnert, glaubst du nicht dass 013-DE die Verkörperung von Einsamkeit ist?"

Malwer machte eine kurze Pause, "Hmmm, ich weiß nicht. Ich bin nicht wirklich ein Philosoph. Das solltest du lieber mit Dr. Laura sprechen, sie weiß bestimmt mehr… Aber wenn ich so nachdenke… Falls die Dinger auch hier oben sind, ist da auf jeden Fall ziemlich spooky…"

Die Unterhaltung verstummte und der Rover fuhr wie gehabt mit der gleichen, schleichenden Geschwindigkeit vor. Die Stille wurde nur teilweise durch die Räder des Rovers gebrochen. Manchmal war es so still, dass Henrik sein eigenes Herzschlagen und die Atmung hören konnte.

Nach einer halben Stunde hielt Henrik den Rover an, "Ok, nehmen hier die Probe."

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"Woah, schau dir mal das an! Man kann die Erde sehen!", rief Malwer auf ein Mal.

Man konnte tatsächlich die Erde erkennen.

Henrik hielt den Rover ungefähr auf der Hälfte der Strecke an. Er schnallte sich ab, stieg aus dem Fahrersitz, holte seine Geräte aus der Tasche raus und begann Proben von der Oberfläche zu entnehmen.

Wie viel Zeit vergangen ist, wusste Henrik nicht. Er war zu sehr konzentriert um auf die Zeit zu achten.

Das einzige was er wusste war die Tatsache, dass Malwer fehlte.

"Ok, wir können weiter fa—… Malwer? Hey! Malwer! Wo bist du? Hör mit den blöden Witzen auf, das geht echt auf die Nerven."

Das war wirklich nicht die Zeit für Witze. Henrik wurde nervös, sie waren immerhin auf dem Mond, irgendwo im Nirgendwo.

Er sprach immer wieder in die Funkleitung, "Malwer! HEY! KANNST DU MICH HÖREN? MALWER!"

Keine Antwort.

Henrik schrie mittlerweile in den Funk, "MALWER! MALWER! BITTE KOMMEN!"

Eine leise Stimme antwortete, "… Da ist jemand…"

"Malwer?! Wo bist du verdammt?!"

"Da… Da ist jemand!", sagte Malwer nun etwas lauter.

Henrik drehte sich hastig im Kreis herum und hoffte darauf, dass er Malwer irgendwo in der Umgebung erblicken konnte. So sah er ihn in der Ferne, wie er einen Hügel bestieg und immer kleiner wurde.

"MALWER! WAS MACHST DU DA? KOMM ZURÜCK! MALWER!", Henrik schrie seine Kehle aus dem Hals.

"Nein! Ich darf nicht! Ich… ich… jemand ist da! Jemand ist da!"

"MALWER, da ist niemand! Halluzinierst du etwa?"

Malwer wechselte seinen Tonfall zu einem mehr aggressiven Dasein, "NEIN NEIN! DA IST JEMAND! Versuche mich nicht aufzuhalten!"

Henrik fing an zu laufen, doch die Beine gaben nach und er ging zu Boden, "Malwer! MALWER!"

Malwer verschwand hinter dem Hügel und Henrik verlor den Kontakt mit ihm. So schien es, dass die Funkleitung manuell von Malwer angetrennt wurde.

"Verdammt!", Hernik konnte im Moment nur fluchen. Sollte er Hilfe rufen? Wie war denn noch ein Mal die Frequenz von A2?

Endlich gelang es Henrik sich an die Frequenz zu erinnern. Hastig tippte er diese in sein Kommunikationsgerät für Notfälle, das an dem Rover angebracht wurde.

"Hallo? A2? Können sie mich hören? Hallo?"

"Einrichtung A2 hier. Wie ist Ihre ID? Warum schreien Sie so? Was ist passiert?"

"Dr. Henrik, Forscher im Standort-M001 hier! Ein Freund bzw. Teammitglied ist gerade einfach weggegangen!"

Die Person am anderen Ende klang verwirrt, "Weggegangen? Wie meinen Sie das? Spezifizieren Sie sich!"

Henrik klang aufgeregt, "Er… er… er ist halt einfach weggegangen während ich eine Probe sammelte, einfach so über einen Hügel! Und dann… und dann… war er weg! Er ist Mitglied der mobilen Wartungseinheit von Standort-M001, Giebert Malwer! Schicken Sie bitte ein Rettungsteam hier raus, an die F-Koordinaten A3;K9;L12! Seine Sauerstoffvorräte sollten noch für vielleicht eine Stunde ausreichen! Können Sie mich hören?"

"Ja, ich kann Sie klar und deutlich hören! Ich kontaktiere jetzt Standort-M001. Bitte bleiben Sie in der Leitung!"

"Ja, ja, natürlich!"

Jede Sekunde schien für Henrik eine Ewigkeit zu sein. Er machte sich große Sorgen um Malwer, wenn er in einen Krater fällt während er halluziniert, wird er nie wieder rauskommen. Auch wurde noch nicht alle Teile des Mondes erforscht, wer weiß was hier sonst noch ist!

Während dem Gedankenfluss von Henrik meldete sich der A2-Angestellter wieder, "Ich… Ich kann Standort-M001 nicht erreichen! Jegliche Funkkontakte wurden gekappt! Ich kann nicht—"

Vor dem Abbruch des Kontaktes konnte man Schussgeräusche erkennen.

Der Kontakt ging verloren.

"Hallo? Waren das Schüsse? Können Sie mich hören? HALLO?"

Wieder keine Antwort.

"Verdammte Scheiße!"

Henrik stand auf der Oberfläche des Mondes, alleine, von der Stille und der Einsamkeit umgeben. Zur Überraschung Henriks, ging ein Signal ein.

"Diese Frequenz… Standort-M001?"

Eine bekannte Stimme klang durch die eingebauten Kopfhörer des Raumanzuges.
, "Hallo, kannst du mich hören?"

"Ha-… Harold?"

"Ja, ich bins. Hör mir genau zu Henrik, ich habe nicht viel Zeit. Alle sind hier verrückt geworden, wir mussten sie alle erschießen. Alle! Ich habe mich gerade in einem Raum eingesperrt aber ich werde es nicht lange durchhalten, einer hat mich mit einer Pistole erwischt…", Harold klang außer Atem. Dies machte auf Henrik keinen beruhigenden Eindruck.

"Wie bitte? Ich werde sofort—"

"Nein! Bleib wo du bist, komm auf keinen Fall hier her… Geh zu… einem Außenposten und… kontaktiere die Erde… Verdammt, ich verliere ziemlich viel Blut… Komm auf keinen Fall hier her, hast du mich verstanden?! AUF KEINEN FALL!"

"Verdammt, Harold! Wie soll ich…", Henrik verstummte.

"Es war… eine gute Zeit mit euch Beiden…", Harold wurde leiser.

"Harold, nein! Ich will das nicht! Du darfst nicht—"

"Hehe, schon in… Ordnung…"

"Harold! Hörst du mich? Harold?!"

Der Funkkontakt brach ab.


Die Erde war so weit weg, der Planet schien von dem Mond aus unerreichbar zu sein.

Tränen bildeten sich um Henriks Augen, "Ich will nach Hause, bring mich bitte nach Hause… Ich will nach Hause…"

Henrik schaltete das Funkgerät aus. Es würde ihm nicht mehr von Nutzen sein.

Mit der Einsamkeit kann man keine Unterhaltung führen.

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