Dr Alice 2

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DAMALS

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Ein Telefon klingelt.

Aaron Siegel steht vor einer Kirche. Ihre Mauern, verrottet und böckelnd, strengen sich an, das hoch aufragende, pockennarbige Dach darüber zu halten. Eine der Türen hängt lose an einem einzigen Scharnier und wiegt sich sanft im Wind. Die Fenster, längst ohne Scheibe und Rahmen, pfeifen ein unheimliches Lied, während der Wind durch sie hindurchschneidet. Das ganze Gebäude knarrt und stöhnt.

Ein Telefon klingelt.

Aaron schaut hinter sich. Er kann Arians neben ihrem Auto stehen sehen, der ihn beobachtet. Zwischen dem Dunst des Staubs und der untergehenden Sonne sieht er fast wie ein Trugbild aus. Alles, was er sieht, ist der Mantel seines Freundes, der im Wind peitscht, und die dunkle Brille in seinem Gesicht.

Ein Telefon klingelt.

Aaron schaut in die Ferne und sieht Feuer. Er hört das Stöhnen und Kreischen von Metall auf Metall und sieht Rauch über den Bergen aufsteigen. Von Zeit zu Zeit hört er die donnernde Kakophonie einer Explosion über das Ödland rauschen und sieht Lichter am Horizont aufblitzen. Er sieht ganz kurz einen Räderwerk-Berg, der von einem Inferno erleuchtet wird. Ein dunkler Stern hängt tief am Himmel.

Ein Telefon klingelt.

Aaron hört Stimmen. Neun Stimmen, die ihn von der Erde aus rufen. Sie wissen. Sie wissen, dass er den Auslöser bei sich trägt und sie sehnen sich danach, dass er betätigt wird. Sie schreien nach ihm, betteln ihn an nach der Euphorie ihrer Qualen. Sie können sich nicht hören, aber sie können ihn hören. Bei jedem Schritt winden sich ihre winzigen Körper in ihren Betongräbern, ihre gebrochenen Arme sind ausgestreckt und greifen nach einem Gott, den sie nicht sehen können. "Komm zurück", sagen sie. "Mach uns wieder ganz."

Ein Telefon klingelt.

Aaron geht auf die Kirche zu, doch sein Gang ist unsicher und sein Tempo schwankt. In der Kirche wird er die Wahrheit finden. Der Himmel brennt hell im Licht eines verdorbenen Gottes. Schrecken sickert durch den Boden, der winzige, zerrissene Finger um seine Schuhe wickelt. Er weicht zurück und kämpft sich auf die Kirche zu. Die Sonne sinkt unter die Berge und währenddessen sieht er eine Rote Rechte Hand am Himmel hängen. Der Wind schlägt die Türen der Kirche weit auf und aus ihrer zerstörten Halle hört er die Geräusche eines lachenden Mannes.

In der Kirche klingelt ein Telefon.


HEUTE

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"Das ist sie?”, sagte Olivia.

Calvin konsultierte das Tagebuch. Die Lage war richtig, soweit er das beurteilen konnte, doch die qualmende Ruine, auf die sie gestoßen waren, war nicht die im Text beschriebene Festung.

"Ja", sagte Calvin langsam, "das ist sie."

Adam blinzelte durch den Rauch, der auf sie zuwehte. "Glaubst du, jemand war zuerst hier?"

Anthony grunzte. "Wahrscheinlich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Aufseher den Bruch ihres Vertrags öffentlich gemacht haben."

"Einer von uns vielleicht?", fragte der junge Mann nach.

Calvin schüttelte den Kopf. "Delta war sehr konkret. Niemand außer uns."

"Dann scheiß drauf, Jungs", sagte Olivia und stieg den felsigen Berg hinunter. "Lasst uns nachsehen."

Die vier folgten einer Straße hinunter auf ein Pförtnerhaus zu, das fast eine halbe Meile von der zerstörten Festung auf dem Berg entfernt war. Abgesehen von dem wehenden Rauch und den Trümmern, die im Wind aufgewirbelt wurden, gab es im gesamten Komplex keine andere Bewegung. Das Tor stand offen und sie gingen durch. Das Pförtnerhaus war leer.

"Ein bisschen klischeehaft, denkt ihr nicht?", sagte Adam und untersuchte das Gebäude, als sie die lange Auffahrt hinaufgingen. "Böser Organisations-Boss hat eine böse Festung in den Bergen?"

Anthony bellte ein Lachen. "Du hast also noch nicht Baron Hoadley getroffen."

"Baron Hoadley?", fragte Olivia.

"O5-8", antwortete Anthony. "Er hat diese Festung nicht gebaut, um Leute einzuschüchtern. Er baute sie, weil er ein Feigling ist."

"Du kanntest ihn?", fragte Adam.

Anthony zögerte für einen Moment. "Wusste von ihm, sicher. Hab‘ ihn nie getroffen. Ein Ruf kann dir folgen, unabhängig davon, in welchen Kreisen du dich aufhältst."

Sie machten weiter, wobei Olivia Anthony genau studierte.

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Die Beschädigung der Außenseite der Bergfestung war nur eine Vorspeise im Vergleich zu dem Gelage der Zerstörung im Innern. Treppen waren gebrochen und unzugänglich, der Boden unter ihnen knarrte und stöhnte und wich an einigen Stellen Ruß und Asche. Lange Stahlbalken an der Decke sanken durch die Hitze herab und das gesamte Anwesen stank nach Feuer und Fleisch. Von Zeit zu Zeit kamen sie an der Leiche eines Mannes vorbei, wahrscheinlich einer persönlichen Wache des Aufsehers. Ihre Körper waren verkohlt und ihre Gesichter verstümmelt. Viele von ihnen stapelten sich an der Innenseite einer verschlossenen Tür. Weitere lagen flach auf dem Boden, sie waren vor etwas im hinteren Teil des Gebäudes weggerannt.

Sie stiegen die Stockwerke hinunter, die sie konnten, bis sie einen großen Raum erreichten, dessen Wände nicht mehr länger zu existieren schienen. Das Dach darüber war längst zusammengebrochen und noch immer stieg Rauch in den Abendhimmel. Es waren auch Wachen in diesem Raum, obwohl sich die meisten von ihnen an den Wänden stapelten, nicht mehr als die Abwesenheit eines Menschen, den die Hitze nicht erreichen konnte. Sie durchquerten die Kammer, mieden vorsichtig die Leichen und erreichten den Punkt, von dem die Verwüstung ausgebrochen zu sein schien.

Es war die Leiche eines Mannes, sein Körper aufgescheuert und seine Haut geschwärzt. Etwas Stumpfes und Metallenes war an seiner freiliegenden Wirbelsäule verankert und als sie näher kamen, konnten sie ein leises Surren sich drehender Zahnräder hören. Aus seiner Brust wuchs ein riesiger, verbrannter, fleischbedeckter Turm, der sich in alle Richtungen zur Decke hin verzweigte. Große Stücke verbrannten Fleisches lagen verfaulend im Raum verteilt. Anthony bückte sich, um die Gestalt zu untersuchen.

"Jepp", sagte er, "das ist definitiv der Aufseher."

"Was zum Teufel ist hier passiert?", sagte Adam skeptisch.

"Wenn ich raten müsste", sagte Anthony, der wieder aufstand, "glaube ich, Walter genoss irgendeine eine Art von … Verbesserungen oder Magie oder … etwas Unnatürliches, das in Schach gehalten wurde, weil er nicht sterben konnte." Er sah sich im Raum um. "Wenn man bedenkt, wie weit runter die Feuer gebrannt haben, würde ich vermuten, dass er sich vor ein paar Wochen plötzlich sehr sterblich fühlte und seine Verbesserungen nicht miteinander übereinstimmten." Er stupste mit dem Fuß den sich drehenden Zahnradmechanismus an, wodurch er sich etwas schneller drehte. "Ja, stimmten definitiv nicht überein."

Olivia starrte auf die Leiche herab. "Das ist es dann? Noch einer erledigt?"

Calvin nickte, als er die Szene betrachtete. "Alles hier sieht mehr oder weniger selbst-eingedämmt aus. Ich denke … ja, ich meine, wir sind hier fertig. Er schaute auf seine Uhr. "Es wird schon spät. Lasst uns einen Schlafplatz finden und wir werden morgen früh aufbrechen."


"Also stehen wir allein am Strand und unsere Evakuierung ist in fünf Minuten", knurrte Calvin und seine Stimme wurde leiser, während er einen sich drehenden Hubschrauber nachmachte. "Wir haben Friedenstruppen auf der anderen Seite dieses Hügels und die tollwütigen Okkultisten rennen am Strand entlang. Es gibt einen Foundation-Zerstörer, der drei Meilen vom Strand entfernt geparkt ist. Man kann ihn kaum sehen, doch wir wissen, dass er jeden Moment das Feuer eröffnen und uns zu einem roten Schmierfleck am Strand machen könnte."

Adam wiegte sich vor Aufregung vor und zurück. "Also, was hast du gemacht?"

Calvin machte eine weitere große Geste. "Was denkst du?" Ich entriegelte mein Gewehr und mähte sie nieder, bis auf den Letzten! Alles Feuer und heißes Blei und Wut, bis der Strand leer war und wir evakuiert wurden."

Die Augen des jungen Mannes wurden fast so hell, dass sie den dunklen Raum erhellen könnten. "Heilige Scheiße, Mann. Warum hast du mir das nicht schon früher erzählt?"

"Weil es Bullshit ist", sagte Olivia, die den Raum betrat und geplündertes Essen aus der Küche hinstellte. "Unser herrlicher Anführer hat vergessen zu erwähnen, dass er seine Waffe verloren hat, bevor wir überhaupt am Strand waren. Er ließ sie fallen, als eines der einheimischen Kinder einen Stein auf ihn warf, während wir drei Städte entfernt die Hauptstraße entlangfuhren. Anstelle einer Schießerei im Rambo-Stil.", sagte sie und lächelte Calvin an, als er vor Wut kochend durch den Raum ging. "Ich habe uns eine große Meeresschildkröte hergezaubert und wir haben uns darunter versteckt, bis die Friedenstruppen weitergezogen und die Okkultisten gelangweilt waren. Dann schwammen wir zu einer Sandbank, wo unser Rendezvous auf uns wartete – in einem Fischerboot." Sie streckte einen Finger nach Calvin aus. "Und ich würde dieses verherrlichte Dings nicht als Foundation-Zerstörer bezeichnen. Es war kaum ein Patrouillenschiff."

"Du weißt", sagte er finster, "es muss etwas über die Sieger gesagt werden, die Geschichte schreiben."

"Ich weiß", sagte sie grinsend. "Das tat ich doch."

Adam lachte. "Mir war nicht klar, dass ihr zwei euch schon so lange kennt. Habt ihr eine Weile zusammengearbeitet?"

"Eine Weile!" Olivia spuckte. "Was denkst du, wie alt ich bin?"

Adam rutschte das Herz in die Hose und Olivia lachte wieder. "Ja", sagte sie, "es ist eine Weile her. Wir trafen uns zuerst … wo? In Budapest? Muss ’94 gewesen sein?"

"Zu lang", kreischte Calvin und nahm einen Schluck aus einer Metallflasche. "Seit ich ihren Arsch von der Straße zerren musste, als sie mit dieser Gruppe von Kunstaffen davonrannte."

"Entschuldige bitte", sagte sie und schlug mit einem Holzlöffel auf seinen Handrücken. "Durch diese ‚Kunstaffen‘ habe ich hier überhaupt einen Fuß in die Tür gekriegt. Der große Calvin Lucien hätte sich für mich gar nicht erst interessiert, wenn ich nicht zaubern könnte."

"Jetzt habe ich überhaupt kein Interesse an dir", sagte er und verdiente sich so noch einen Schlag.

"Warte mal, zaubern? Wie, du bist eine Zauberin?", sagte Adam mit erneuter Ehrfurcht. "Warum weiß ich das nicht?"

"Ich mache es mir nicht zur Gewohnheit, öffentlich darüber zu sprechen", sagte Olivia, die ihre Suppe umrührte, "aber ja. Ich war einmal Die Unglaubliche Ivory, eine berühmte Künstlerin. Ich habe an ein paar Shows in Paris und München gearbeitet, bevor unsere Zelle von diesen Foundation-Verbrechern hochgenommen wurde. Wir haben uns zerstreut und die Insurgency kam, um die Scherben aufzusammeln." Sie schaute wieder auf Calvin. "In Budapest."

Er zuckte mit den Achseln. "Zu meiner Zeit habe ich ziemlich viel Unordnung von der Foundation beseitigt. Nach einer Weile kommt alles irgendwie zusammen."

Während ein weiterer geschickter Schlag durch den Raum hallte, wo sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, kam Anthony mit einem Stapel Bücher um die Ecke geschlurft. Er grunzte, als er sie vor der Gruppe auf den Boden warf und stupste sie mit einem Fuß an.

"In Ordnung. Zeit für Hausaufgaben."

Olivia runzelte die Stirn. "Wir haben noch nicht zu Ende gegessen. Meinst du nicht, dass wir Zeit für eine einzige freie Nacht haben? Wir haben seit Wochen nicht mehr aufgehört."

Anthony griff sich ein Buch vom Stapel und ließ sich auf einem großen Stuhl nieder. "Wie du willst. Aber denk dran, dass sich die Aufseher keine Nacht frei nehmen."

Widerwillig nahm sich jeder ein Buch und blätterte es durch. Nachdem er eilig ein paar Seiten durchgesehen hatte, hielt Adam inne.

"Anthony", sagte er, "was ist mit dir? Du bist schon eine Weile dabei, oder?"

Anthony grunzte als Antwort.

"Wie lange genau?", fragte Adam nach.

Anthony seufzte und legte das Buch auf den Tisch neben seinem Stuhl. "Ich habe den entscheidenden Vorteil, das bei weitem älteste Mitglied dieser Gruppe zu sein. Mehr musst du nicht wissen."

Adam runzelte die Stirn. "Komm schon, Mann. Wir arbeiten jetzt schon seit Monaten zusammen und ich habe das Gefühl, dass ich gar nichts über dich weiß."

Calvin hustete. "Er ist nur böse, weil er dir nicht sagen will, wie alt er ist." Er blätterte eine Seite um. "Hier ist ein Hinweis: er ist ziemlich alt."

Anthony starrte ihn an. "In meinem Alter, Junge, denkst du nicht so viel über die Dinge nach, die du getan hast, sondern mehr über die Dinge, die du getan haben könntest." Er grunzte. "Diese Liste ist ziemlich lang."

"Ich meine, wir alle wussten, wofür wir unterschrieben haben, oder?", sagte Adam zwischen zwei Bissen von seinem Sandwich. "Unsere Leben im Dienst für eine bessere Welt? Unsere Leben als Opfer, um eine Zukunft für den Rest der Menschheit zu schaffen?" Er schluckte. "Das klingt doch nicht schlecht."

Anthony starrte in sein Buch. "Das sagst du jetzt. Du bist jung. Das Ziel ist nicht mehr weit entfernt. Wenn es erledigt ist, kannst du wieder zurückkehren. Aber ich und einige andere … mehr gibt es da nicht. Ich wusste, wofür ich unterschrieben habe, ja. Du hast recht zu glauben, wir hätten es alle getan. Ich schäme mich nicht dafür. Es ist nur eine bittersüße Befriedigung."

Calvin stieß Adam mit dem Ellbogen an. "Hör mal, Junge, lass dich nicht von ihm unterkriegen. Wir sind wahrscheinlich alte Knauser, wenn wir in sein Alter kommen. Aber wir führen das Vermächtnis des Ingenieurs fort und stellen uns gegen …"

Anthony schnaubte. "Der Ingenieur. Da bin ich mir sicher."

Sie alle hielten inne und schauten auf den alten Mann, der langsam seinen Kopf schüttelte. "Nennt es, wie ihr wollt, aber nennt es nicht das Erbe des Ingenieurs fortführen."

Calvin hob eine Augenbraue. "Du hast eine bessere Beschreibung dafür, die Fackel unseres Gründers weiterzutragen?"

Anthony legte das Buch wieder hin und schloss die Augen. "Der Ingenieur ist eine Lüge, die das Delta-Kommando der Insurgency erzählt, um jeden in Schach zu halten. ‚Tu es für sein Vermächtnis’, sagen sie. Nein. Tu es für deine Freunde und Familie. Tu es, weil es das Richtige ist. Aber tu es nicht aus dem törichten Gedanken heraus, das Erbe eines Mannes aufrechtzuerhalten."

"Wovon redest du?", sagte Olivia.

Anthony lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Sie werden dir viele Dinge über den Ingenieur erzählen. Manche sind wahr. Er hat sicher die Insurgency aus fast nichts erschaffen. Er legte viele seiner Grundsätze dar. Doch er wurde in dem Moment zum Verräter, als er die Gelegenheit hatte, die Macht zu ergreifen."

Adam setzte sich schnell auf und Calvin starrte den alten Mann an. "Wovon redest du da überhaupt?", bellte er. "Du tust so, als kanntest du den Mann."

Er hielt inne. "Ich kannte ihn", knurrte Anthony zurück. "Ich bin ihm gefolgt, als er abtrünnig wurde. Ich trug das Gewicht unserer jungen Insurgency direkt neben ihm und ich musste die Scherben aufsammeln, als er uns in den Rücken fiel und zur Foundation stürmte, sobald er ein besseres Geschäft machen konnte – als sie ihn zum Aufseher machten."

"Das ist unmöglich", sagte Adam langsam. "Hättest du den Ingenieur gekannt, müsstest du … Gott, hundert Jahre alt sein. Sogar noch älter."

Anthony bewegte sich nicht. "Ja", sagte er mit leisem Grollen. "Noch älter sogar."

Calvin lachte spöttisch. "Ist das nicht etwas? Gegen das Unnatürliche wettern, während du deine Hand in denselben Honigtopf tauchst, um dein Leben zu verlängern?"

Anthony sah ihn finster an. "Ich war ein Kind. Ich wusste nichts. Ich bin erwachsen geworden, aber der Scheiß lässt dich nicht los."

"Wer weiß davon?”, sagte Olivia leise.

"Niemand." Anthony rieb seine Handfläche gegen seine Schläfe. "Das muss niemand. Jedes Mal, wenn jemand Verdacht schöpfte, bin ich für eine Weile verschwunden und kam mit einem anderen Namen zurück. Sogar in den Zeiten, als ich weg war, war ich nie weit entfernt – nur so weit, um den Verdacht verfliegen zu lassen, während ich weiter tat, was ich konnte, um unsere Bestrebungen zu schützen."

Calvin warf seine Hände nach oben. "Lass mich das klarstellen – du erwartest von uns, dass wir dir glauben, jemandem, der sein Leben anomal über das Natürliche hinaus verlängert hat und wer weiß, was noch; und dass wir glauben, dass du es jetzt besser weißt als der Ingenieur? Alles, was wir haben, ist dem Ingenieur und den Opfern, die er gebracht hat, zu verdanken. Unsere gesamte Doktrin ist …"

"Opfer?!" Anthony stand nun, sein Gesicht wurde rot. "Du denkst, er hat Opfer gebracht? Er ließ andere für ihn die Opfer darbringen. Er verlor nichts und bekam alles, was er immer wollte, und wir sind darauf reingefallen. Sind schön drauf reingefallen, weil wir Idealisten waren, Calvin. Wir glaubten, wir könnten uns aufrichtig gegen die Dunkelheit stellen, dass unsere Taten einen Unterschied machen würden. Der Ingenieur nahm diesen Idealismus, benutzte ihn so lange, wie er ihm nützlich war und brach seinen Rücken!"

Adam wollte etwas sagen, doch Anthony ließ sich nicht unterbrechen. "Wir haben diese Insurgency von Grund auf erschaffen, gemeinsam, und wir teilten alles. Er nahm dieses Wissen mit zur Foundation und nutzte es, um uns zu ruinieren. Hunderte wurden getötet! Tausende! Er wusste alles über uns, was es zu wissen gibt, unsere Einrichtungen, unsere Lagerplätze, unsere Lagerhäuser. Er wusste alles und zerstörte alles! Wir wurden zu einem Witz für sie!"

Er sank zurück in seinen Stuhl. "Wir erschufen Delta wegen seines Verrats, um gezielt realistisch zu sein. Deshalb hat die Insurgency kein richtiges Ziel – der Summa Modus Operandi ist das einzige Ziel und bis jetzt ist es ein unerreichbares. Dies ist beabsichtigt. Gib uns etwas zu tun, bis sich eine Gelegenheit bietet oder sei für immer der zuckende Zweifel in seinen Gedanken, wenn er überhaupt noch da drin ist."

Er machte eine Pause, um etwas zu trinken. Sein Gesichtsausdruck wurde weicher. Er sah müde aus. "Delta weiß es nicht einmal. Es würde auch keine Rolle spielen; selbst wenn sie es wüssten, wäre es für sie von Vorteil, den Personenkult um ihn aufrechtzuerhalten. Er ist jetzt ein Maskottchen, und zwar eins, das unsere Organisation dringend braucht."

"Wenn das, was du sagst, wahr ist", sagte Calvin mit ausgewählten Worten, "warum hast du nicht früher davon erzählt?"

Anthony zuckte mit den Schultern. "Wofür? Eine Chance, dass die Leute mir glauben und das Vertrauen in die Insurgency verlieren, oder eine größere Chance, dass sie mir sowieso nicht glauben, so wie ihr gerade. Was würde das für einen Unterschied machen?" Er hielt inne. "Unser Ziel ist immer noch das Wichtigste. Alles, was uns von diesem Ziel ablenkt, darf nicht zugelassen werden."

"Und warum sagst du es uns jetzt?", sagte Olivia leise.

Anthony sprach nicht sofort. Er hob einen einzelnen Finger zu seiner Schläfe und rieb sie langsam, schloss ein Auge und schaute irgendwo in die Ferne. "Ich sage es euch jetzt, weil es mir wichtig ist, dass ihr es wisst. Es wäre nichts Geringeres als ein Wunder, wenn wir all das hier durchstehen." Er hielt wieder inne. "Es scheint nicht richtig zu sein, jemanden sterben zu lassen, ohne dass er die Wahrheit darüber kennt, wofür er stirbt. Wir tun, was wir tun, weil die natürliche Ordnung von uns verlangt, unsere Fehler zu korrigieren, nicht weil ein Verräter es vor siebzig Jahren gesagt hat."

Er stand mit einem Buch in der Hand auf und ging davon. "Findet so viel Frieden darin, wie ihr könnt."

— - —

Später, nachdem Olivia und Adam bei einem Stapel brennender Möbel eingeschlafen waren, war Calvin noch wach. Er rollte eine Phiole mit Flüssigkeit in seiner Hand hin und her, seine Augen darauf fixiert. Das Licht des Feuers tanzte auf seiner Oberfläche, Rot und Gelb waren auf einem Feld von funkelndem Blau verstreut. Sie fühlte sich kühl an – das tat sie immer schon – und sie in der Hand zu halten beruhigte ihn. Er konnte es nicht erklären, aber es war etwas Tröstendes …

"Woher hast du das, Calvin?"

Es hörte sich nicht wie eine Frage an. Calvin wirbelte herum und sah Anthony ein paar Schritte hinter sich stehen, sein Gesicht nur teilweise vom Mondlicht erleuchtet. Calvin steckte die Phiole in seine Tasche.

"Das geht dich nichts an", sagte er leise.

Anthony schnaubte. "Es geht mich wohl etwas an, denn das letzte Mal, als ich nachsah, war keine mehr übrig." Er trat aus der Dunkelheit hervor und setzte sich auf den Boden neben Calvin. Er schnitzte mit einem kurzen Messer an einem Stock. "Weißt du, was es ist?"

Calvin nickte. "Es ist Wasser aus dem Jungbrunnen."

Anthony neigte seinen Kopf zur Seite und starrte das Ende seines Stocks an. "Das ist es. Ich kann mir vorstellen, dass du schon eine andere Phiole dazu verwendet hast, den armen Dr. Carter in ein langersehntes Grab zu befördern." Calvin nickte. "Doch hier bist du mit einer weiteren. Das ist doch schon etwas, nicht wahr?"

Er legte das Messer und den Stock ab und lehnte sich an einen Stuhl. "Als sie den Brunnen leerten, war noch genug Wasser für zwölf Phiolen übrig. Jeder von ihnen hatte bereits daraus getrunken und sich die ewige Jugend gesichert, doch diese zusätzlichen zwölf Phiolen wurden jedem von ihnen gegeben – nur für den Fall. Zuletzt habe ich gehört, dass alle geleert wurden, doch jetzt hast du zwei. Ich frage mich, wie sie zu dir gekommen sind." Er machte eine Pause. "Was hast du damit vor?"

"Nichts", sagte Calvin schnell. "Sie zerstören."

Anthony schloss die Augen. "Gut. In der Flasche ist nichts außer Gift, nimm mich beim Wort. Es wird deine Wunden reinigen und deine Jugend wiederherstellen, doch das Leben, das du danach führst, ist ein leeres. Du hörst auf, Dinge zu schmecken, die Farbe verschwindet aus dem Himmel."

"Du hast also wirklich das Wasser probiert", sagte Calvin, etwas wie Unglaube verriet seine Worte.

Anthony seufzte. "Ja. Als wir überliefen, nahmen wir Phiolen mit Wasser aus dem Brunnen für uns selbst. Nicht alle von uns, aber ein paar. Ich war einer der Glücklichen." Er lachte. "Glücklich. Nein, nicht glücklich. Als ich erkannte, was ich getan hatte, verbrachte ich Jahre damit, es ungeschehen zu machen. Die Schritte, die ich unternommen habe, haben mir den Geschmack nicht wieder zurückgebracht oder meine Augen erhellt, doch sie haben mich dazu gebracht, wieder zu altern. Langsam."

Calvin zog die Phiole wieder hervor und schaute für einen Augenblick darauf. Als er sich wieder zu Anthony wandte, sah der Mann ihn an. "Damals im Herrenhaus, als Donna Taylor sagte, dass es eine Lüge war, dass du keine Angst vorm Tod hast – was glaubst du, hat sie damit gemeint?", fragte Anthony.

Calvin zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht. Das habe ich wirklich nicht." Er hielt inne. "Oder – nun, ich weiß nicht. Ich habe keine Angst, selbst zu sterben, aber wenn ich daran denke Menschen zu verlieren, jene, die mir nahestehen oder meinen Rat suchen … irgendetwas daran macht mich krank."

"Natürlich tut es das", sagte Anthony lächelnd. "Es ist nichts Falsches daran, Angst vor dem Tod zu haben, Calvin. Er ist der große Unbekannte – und die Angst davor, Menschen an ihn zu verlieren, hat schon größere Männer zu schlimmeren Übeln getrieben. Vertrau mir, sogar ich bin dieser Angst schon unterlegen." Er hielt für einen Moment inne und starrte nun auf die Klinge seines Messers. "Der Unterschied zwischen uns und der Foundation besteht darin, dass wir die Rolle des Todes in der natürlichen Ordnung akzeptieren können – so, wie wir die natürliche Ordnung für das, was sie ist, akzeptieren können. Die Foundation dämmt diese Monster und Wunder ein und erforscht sie in der Hoffnung, höhere Wahrheiten zu finden – alles zum Wohle der Aufseher. Sie behaupten, dass sie die Macht der Götter von den falschen Händen fernhalten wollen, also behalten sie sie für sich selbst. Wir aber leugnen die Macht der Götter." Er legte die Zunge gegen die Zähne. "Sie sollte nicht existieren, Calvin. Nicht so. Unsere Welt wurde nicht erschaffen, um dem standzuhalten."

Anthony schaute wieder auf die Phiole hinunter. "Es ist deine Entscheidung, Calvin, aber wenn ich du wäre, würde ich sie zerstören und nie wieder daran denken, denn ich werde nicht zulassen, dass du den gleichen Fehler begehst wie er."

Calvin schaute nicht zu ihm auf. "Du sagtest, dass du im Laufe der Jahre gekommen und gegangen bist – dass du verschiedene Namen verwendet hast. Wer bist du?"

Anthony lächelte. "Für dich bin ich jetzt Anthony Wright. Ich war schon oft ein anderer Mensch, aber jeder dieser Menschen starb, als ich den nächsten Namen annahm. Der Mann, der ich war als wir überliefen, lebt schon seit Jahrzehnten nicht mehr."

Damit drehte sich Anthony auf die Seite und schnarchte leise unter seiner Jacke. Calvin hielt noch eine Weile durch, bis auch er eingeschlafen war.




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